Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Ein Waffenhändler und offene Fragen

Amoklauf in München: Opferanwalt fordert Prozessverschiebung und neue Ermittlungen

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 4 Min.

Vergangenen Samstag, am 22. Juli, jährte sich der Amoklauf des Schülers David S. am Münchner Olympiazentrum zum ersten Mal. Damals hatte der 18-Jährige neun Menschen erschossen und dann die Waffe, eine Glock 17, gegen sich selbst gerichtet. Gegen den Waffenhändler, bei dem der Todesschütze Pistole und Munition im sogenannten Darknet gekauft hatte, soll am 28. August vor dem Landgericht München der Prozess eröffnet werden. Mittlerweile fordert ein Anwalt der Opfer eine Verschiebung der Gerichtsverhandlung, um neonazistische Hintergründe zu ermitteln.

Zunächst galt Rache für Hänseleien und Demütigungen, die der Täter an der Schule erlitten hatte, als wahrscheinliches Motiv für den Amoklauf des Schülers. Doch dann drangen weitere Details über die Hintergründe der Tat an die Öffentlichkeit. So erstellte der Täter auf seinem Computer ein sogenanntes Manifest, das zwei Seiten umfasste. Darin beschrieb er seinen Schulalltag und grübelte darüber nach, was er »verbrochen« habe, um derart von seinen Mitschülern gemobbt zu werden. Zum Ausdruck kommt auch rechtsradikales Gedankengut. Der Stadtteil Feldmoching-Hasenbergl, in dem er aufgewachsen war, sei mit einem »Virus« infiziert, er schrieb über »ausländische Untermenschen«, von »Kakerlaken« und Menschen, die er »exekutieren« werde.

David S. entwickelte offenbar eine tiefe Abneigung gegen Jugendliche mit Migrationshintergrund und machte rassistische Äußerungen. Nach Zeugenaussagen war er stolz auf seine persischen Wurzeln, weil der Ursprung der Arier in Persien, seinem Herkunftsland, liege. Während einer Psychotherapiesitzung soll er den Hitler-Gruß gezeigt und Hakenkreuze in seinen Block gekritzelt haben. Er habe sich aber selbst nicht als Nazi bezeichnet. Dass David S. in rechtsextremistische Strukturen eingebunden war, dafür gibt es bisher keine Hinweise. Die Ermittler verneinen einen politischen Hintergrund der Mordtaten.

Allerdings scheint Philipp K., der angeklagte Waffenhändler aus dem Darknet, ebenso rechtsextremistische Äußerungen gemacht zu haben. Der 32-Jährige habe seine Chatverläufe im Darknet regelmäßig mit »Sieg Heil« oder »Heil Hitler« beendet, so der Anwalt Yavuz Narin, der mehrere Angehörige der Opfer des Amoklaufes vertritt. »Er hat wohl in der Vergangenheit immer wieder an Wehrsportübungen teilgenommen und sich antisemitisch geäußert,« sagte der Rechtsanwalt dem Bayerischen Rundfunk. Eines der beiden Treffen zur Übergabe von Waffe und Munition hat nach Informationen des Senders zudem außergewöhnlich lange gedauert: David S. und Philipp K. waren demnach mehrere Stunden gemeinsam in Marburg unterwegs, also viel länger als für eine Übergabe nötig.

Zudem geht es um einen anonymen Hinweisgeber, der den Waffenhändler der Mitwisserschaft am Amoklauf beschuldigte. Bevor es aber zu einer konkreten Aussage kam, brach der Kontakt zur Polizei ab. Seine Angaben hätten sich nicht erhärten lassen, so die Oberstaatsanwaltschaft, sie spricht von einem »Trittbrettfahrer«.

Opferanwalt Yavuz Narin aber erhofft sich weitere Aufklärung, eventuell auch über die Identität des Hinweisgebers. So hat es Anfang Juni eine Polizeiaktion in Karlsruhe gegen den Betreiber der Darknet-Plattform, über die der Waffenhandel eingefädelt wurde, gegeben. Der Mann wurde festgenommen und sein Server beschlagnahmt. Gegen den Betreiber ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft Mannheim, Server und Computer werden von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt ausgewertet.

Daraus könnten sich weitere Erkenntnisse über den Waffenhändler Philipp K. ergeben, die auch für den Prozess in München relevant sein könnten, so Narin. Er fordert deshalb, den für 28. August geplanten Prozess in München gegen Philipp K. aufzuschieben oder vorerst nur die Verstöße gegen das Waffengesetz zu verhandeln. Die Morde könnten dann in einem späteren Prozess zur Sprache kommen. Für den Waffenhändler ginge es dann um Beihilfe zum Mord und nicht mehr um fahrlässige Tötung.

Inzwischen wurde am Tatort eine Gedenkstätte für die Opfer des Amokläufers eingeweiht. Der Entwurf des Denkmals stammt von der Künstlerin Elke Härtel. Es besteht aus einem zweieinhalb Meter hohen Stahlring, der einen Ginkgo-Baum umschließt. Auf der Innenseite des Rings finden sich Namen und Porträts der neun Todesopfer.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln