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Beten für ein Ende des Kriegs im Donbass

Die Kirche des Moskauer Patriarchats steht in der Ukraine stark unter Druck - auch der Zivilgesellschaft

  • Von Denis Trubetskoy, Kiew
  • Lesedauer: 4 Min.

Vor einem Jahr war sie ein ganz großes Thema: Die Friedensprozession der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats anlässlich des Jahrestages der Taufe der Kiewer Rus. Mit einem Fußmarsch zweier Anhängerkolonnen von Westen und von Osten der Ukraine aus nach Kiew wollte die Kirche auch ein Zeichen gegen den Krieg in der Ostukraine setzen. Die Idee löste emotionale Reaktionen in der Gesellschaft aus, rund 9000 Menschen konnten trotzdem relativ ruhig durch die Kiewer Innenstadt marschieren. In diesem Jahr findet zwar keine landesweite Friedensprozession statt, am 27. Juli veranstaltet jedoch die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats einen Kreuzgang durch die ukrainische Hauptstadt - erneut zum Jahrestag der Christianisierung der Kiewer Rus. Auch diesmal fallen die Reaktionen gemischt aus.

»Es wird mit einem Gottesdienst auf dem Wolodymyr-Berg anfangen und dann mit einem Kreuzgang durch das Stadtzentrum weitergehen. Wir erwarten eine große Teil der Gläubigen, auch extra aus den Regionen«, betont Mitropolit Onufrij, der Oberst der Kirche des Moskauer Patriarchats. »Natürlich werden wir dabei uns unter anderem wieder an den Krieg im Donbass erinnern und für dessen Ende beten.« Für die ukrainische Polizei wird es wieder zur Herausforderung, die Sicherheit am Donnerstag zu gewähren. »Wir bereiten uns auf die Provokationen vor und nehmen diesen Tag wieder sehr ernst«, sagte ein Sprecher der Kiewer Polizei. Dass die Gefahr der Angriffe - vor allem aus der rechten Ecke - immer noch groß ist, hat vor allem mit der weiteren Zuspitzung des Konflikts rund um die Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats.

Sie ist zwar die Kirche mit der größten Anhängerzahl, weil sie aber der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau untersteht, die die Separatisten im Osten der Ukraine mehrmals öffentlich unterstützte, gerät sie immer wieder in die Kritik und wird von vielen als »Agent Russlands« wahrgenommen. Die Aufrufe, die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats zu verbieten, sind seit drei Jahren laut. Zum anderen ist die Landschaft der orthodoxen Kirche in der Ukraine sehr stark vom ewigen Konflikt mit der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats geprägt. Diese gilt als nicht-kanonisch - und wird daher international nicht anerkannt. Deswegen sind die Beziehungen der beiden Kirchen alles andere als freundlich - und der Druck auf das Moskauer Patriarchat wird unter anderem von den Kollegen des Kiewer Patriarchats ausgeübt.

Gerade in den vergangenen Monaten machten einige Skandale rund um die Kirche des Moskauer Patriarchats die Schlagzielen. So hat der Vorsitzende des Religionskomitees der selbst ernannten Volksrepublik Luhansk in einem Interview gesagt, dass der Luhansker Chef der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats Mitrofan die Gründung des Komitees selbst kontrolliert hat. Das löste einen großen Skandal aus, auf den das ukrainische Kulturministerium mit einem offenen Brief reagierte: »Wir rufen die Kirche des Moskauer Patriarchats dazu auf, die Zusammenarbeit mit Terroristen im Donbass zu beenden und die Aggression Russlands öffentlich zu verurteilen«, hieß es im langen Statement. »Das wäre die tatsächliche Bekräftigung der Position der Kirche, sie unterstütze die territoriale Integrität der Ukraine. Darüber wird bisher nur geredet.«

Ein anderer Skandal fand in Lviv statt, wo eine Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht, den Grab eines ukrainischen Soldaten, der im Donbass starb, nicht reinlassen wollte. »Wir bedauern diesen zufälligen Fehler sehr«, betonte der Lemberger Kirchenchef Filaret. Bald könnte außerdem auch der gesetzliche Druck auf die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats steigen. Seit Monaten liegt im ukrainischen Parlament ein Gesetzentwurf, der den Kirchen, dessen Führungszentren in Russland stationiert sind, vorschreibt, diese Verbindung immer klar zu nennen. Über dieses Gesetz sollte bereits im Mai abgestimmt werden, was jedoch nicht stattfand. »Wir müssen nicht dreimal, sondern 303-mal darüber nachdenken, bevor wir in die religiösen Fragen einmischen«, kritisierte Olexij Gontscharenko, Abgeordneter des Präsidentenfraktion Block Poroschenko. Trotzdem stehen die Chancen gut, dass dieser Gesetzentwurf bis Jahresende angenommen wird - dann hätte die Kirche des Moskauer Patriarchats noch mehr Probleme als heute.

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