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Eine Todesgrenze quer durch die USA

In Omar El Akkads großem Roman »American War« wütet ein neuer Bürgerkrieg

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Im Zuge von Wahlerfolgen rechtspopulistischer Politiker wie Donald Trump und Marine Le Pen wird regelmäßig von einer drohenden Spaltung der Gesellschaft gesprochen. Wie so ein Prozess des gesellschafts- und machtpolitischen Auseinanderdriftens im schlimmsten Falle aussehen könnte, führt der 1982 geborene kanadische Schriftsteller Omar El Akkad in seinem fast 500 Seiten dicken und von der amerikanischen Kritik durchweg begeistert aufgenommenen Debütroman »American War« vor Augen. »Ein Roman für alle, die die Trump-Ära umtreibt«, schreibt die »Washington Post«.

Omar El Akkad, der auf Englisch schreibt, in Ägypten geboren wurde und in Katar aufgewachsen ist, bevor seine Eltern nach Kanada übersiedelten, hat sich als Journalist mit dem Krieg in Afghanistan, dem Gefangenenlager in Guantanamo, dem Arabischen Frühling und den antirassistischen Protesten in Ferguson beschäftigt. Viele dieser Themen fließen in seinen dystopischen Science-Fiction-Roman ein, der die fiktive und mitunter unglaublich brutale Geschichte eines zweiten amerikanischen Bürgerkriegs von 2074 bis 2095 schildert. Der findet wie schon der erste amerikanische Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden statt, auch wenn in El Akkads Fiktion einige Umstände des Konflikts ganz anders sind als beim historischen Vorläufer.

Das große Schisma zwischen Nord und Süd entzündet sich in der apokalyptischen Klimakatastrophe der Zukunft am Gebrauch von Verbrennungsmotoren. Denn während diese weltweit verboten sind, fährt man in Georgia, South Carolina und Mississippi weiterhin auf ignorant provozierende Weise mit großen Benzin schluckenden Autos durch ein Amerika, das klimabedingt durch Überflutungen immer kleiner wird. Statt »great again« zu werden, wie das Donald Trump so gerne herumposaunt, gehen die USA wirtschaftlich komplett den Bach hinunter. Dagegen konstituiert sich im fünften Anlauf des Arabischen Frühlings eine von Marokko bis zum Kaspischen Meer reichende wirtschaftlich mächtige Staatsunion, die fortan regelmäßig umfangreiche Hilfslieferungen in die amerikanische »Warzone« schickt.

Die Grenze zu Mexiko ist undurchdringbar, wird aber militärisch von Süden aus gesichert gegen nordamerikanische Flüchtlinge, die in Mexiko auf ein besseres Leben hoffen. South Carolina ist wegen Seuchengefahr von einer Mauer umgeben und komplett von der Umwelt abgeschnitten. Und auch quer durch die restlichen USA verläuft eine Todesgrenze, die Selbstmordattentäter aus den Südstaaten regelmäßig zu überwinden versuchen. Dieses politische und umweltapokalyptische Chaos inszeniert El Akkad zum einen ganz kleinteilig als Geschichte einer Familie aus Louisiana, die im Müll haust, durch den Krieg nordwärts vertrieben wird und für mehrere Jahre in einem Internierungslager in Georgia landet. Dazu streut er Textfragmente ein, die den großen politischen und historischen Zusammenhang herstellen.

Im Zentrum der Geschichte, die als Rückblende eines Überlebenden erzählt wird, steht Sarah T. Chesnut, genannt Sarat, die als kleines Kind ins Flüchtlingslager Patience kommt, dort lernt, sich durchzuschlagen, später als Terroristin für die Südstaaten kämpft, gefangen genommen wird, jahrelang in einem Folterlager à la Guantanamo auf einer Insel im mittlerweile vom Meer überspülten Florida einsitzt und schließlich zu ihrer vom Krieg versprengten und dezimierten Familie zurückkehrt.

Dieses Schicksal schildert Omar El Akkad in einer einfachen Sprache im Stil einer Chronik, hin und wieder schreibt der auch journalistisch geschulte Autor fast im Stil einer Reportage. Das erzeugt einen ganz eigenwilligen realistischen Leseeindruck. Wobei die Beschreibungen mitunter verstörend brutal sind, wenn es um Massaker und Folter geht.

Auch wenn in dieser dystopischen Zukunftsvision soziale Unterschiede und Rassismus kaum eine Rolle spielen und der Roman dadurch mitunter stellenweise zu wenig komplex wirkt, entwirft Omar El Akkad eine wirkmächtige Erzählwelt, die aktuelle Zukunftsängste grell und spannend in Szene setzt. Am Ende wartet dieses eh schon beängstigende Drama mit einem schrecklichen Finale auf.

Omar El Akkad: American War. Roman. Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer, 448 S., geb., 24 €.

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