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Eine Fahrt zwischen Ost und West

Ein führender DDR-Gewerkschaftsfunktionär legt seine Lebensbeichte ab.

Wie in einem Film konnte ich meinen Gedanken und Gefühlen nachgehen ... Es wird eine Fahrt zwischen Ost und West.» Mit diesen Worten beginnt Werner Peplowski seinen Lebensbericht. Es ist eines der inzwischen zahlreichen Bücher, in denen Menschen ihr Leben in der DDR, die Brüche darin, die erfolgreichen oder gescheiterten Neuanfänge für sich und die Nachwelt darstellen. Zeitzeugenschaft eben.

Der 1944 in Dresden geborene Kaufmannssohn stieg auf der DDR-Karriereleiter sehr weit nach oben. Nach dem Studium an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, der Promotion und einem Einjahresstudium an der Parteihochschule in Moskau wurde er «Kader» mit Funktionen in der FDJ, der SED und letztlich Vorsitzender der Gewerkschaft Druck und Papier in Berlin sowie Mitglied des Bundesvorstandes des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Der Aufbau des Sozialismus war seine Welt. Er wollte mit Engagement und Begeisterung daran mitwirken, eine menschlichere Gesellschaft zu schaffen. Wie Millionen andere DDR-Bürger. Sein Handeln war jedoch auch - das zieht sich durch alle Kapitel des Buches - von Eitelkeit und Ehrgeiz, von Selbstgefälligkeit und großem Selbstwertgefühl geprägt. «Ich saß am Katzentisch derer, die das Sagen hatten.» Zu Letzteren wollte er gehören. So ging er Konflikten aus dem Wege, «aus Angst, meiner Karriere zu schaden». Diese Zerrissenheit hat so manchen Menschen geplagt. An anderer Stelle liest man: «Meine Verantwortung sah ich wieder einmal in der Erfüllung eines Parteiauftrags.»

Peplowski also wirkte im FDGB. Dieser wurde nach dem Krieg gegründet, um unter seinem Dach die Einheit der Branchengewerkschaften und das Prinzip «Ein Betrieb, eine Gewerkschaft» zu verwirklichen. In der DDR-Verfassung war zwar festgeschrieben: «Die Gewerkschaften sind unabhängig. Niemand darf sie in ihrer Tätigkeit einschränken oder behindern.» Zugleich war aber in der Satzung des FDGB der Führungsanspruch der SED verankert - die Gewerkschaft als Transmissionsriemen der Partei. Peplowski muss zugeben, dass auf dieser Basis verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen durchgesetzt werden konnten, von Tarifregelungen über Arbeitsschutz, Feriendienst bis Weiterbildung. Auf Auslandsreisen in die kapitalistische Welt hat er dagegen Arbeitsrechts- und Tarifkämpfe kennengelernt.

In den Tagen der politischen Wende 1989 stellt Peplowski das System, in dem er arbeitete, und seine bisherigen jahrzehntelangen politischen Überzeugungen in Frage. «Zweifel an der Richtigkeit bisheriger Weltbetrachtungen nahmen zu», schreibt er. Er wollte sich «reuevoll, auch selbsterhaltend ... den Veränderern anschließen, schließlich mitverändern». Als Vorsitzender des Vorbereitungskomitees zum Außerordentlichen Gewerkschaftskongress 1990 kehrte er sich von der «Diktatur der Partei und der Staatsgewerkschaft» ab. Und in einem Brief hatte er zuvor den FDGB-Vorsitzenden Harry Tisch zum Rücktritt aufgefordert. Hatte Peplowski selbst noch versucht, die Rechte der DDR-Einzelgewerkschaften zu stärken und zu verteidigen, wie er in seinem Lebensbericht versichert, so gehörte er letztlich zu denen, die den FDGB in einem quälenden Prozess auflösten. Er musste dann mit ansehen, wie das Vermögen des FDGB, von den Mitgliedern erarbeitet, als «unrechtmäßig erworbenes Vermögen» über die Treuhand im bundesdeutschen Geldtopf versickerte. Diese Buchkapitel sind außerordentlich aufschlussreich.

1999 war die Liquidation des FDGB beendet. Und Peplowski landete mit seiner Frau im Westen, zwischen Köln und Bergisch-Gladbach, wo er seine Brötchen als freier Handelsvertreter für Bildungsmaterialien verdiente. Er «wollte hier im Westen als kleiner Kaufmann auf die Beine kommen», sozusagen als Erbe seines Vaters. Obwohl er doch von der DDR, die in seinen Augen «implodiert war», nichts mehr wissen wollte, musste er in der westdeutschen Provinz allzu oft dazu Rede und Antwort stehen. Peplowski hat sich gut im Westen integriert, zum Beispiel durch Mitgliedschaft im Karnevalsverein. Heute lebt er mit seiner Familie wieder in Potsdam. So gesehen ist diese Lebensbeichte auch ein Lehrbuch über Opportunismus als Überlebensstrategie.

Das Gute an dem Buch ist, dass da einer, der bis zu einem gewissen Grade an den Hebeln der Macht in der DDR saß, seine Überzeugungen und sein Handeln, seine Verstrickungen und Zweifel, seine totale Abkehr von Gelebtem und Geglaubten ehrlich ausbreitet, im Sinne eben von Zeitzeugenschaft. Doch die Lektüre wird zuweilen erschwert durch etliche Ausschweifungen und eitle Selbstdarstellung. Schade.

Werner Peplowski: Nichts bleibt unterm Schnee verborgen. Verlag Klaus-D. Becker, 412 S., br., 24,95 €.

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