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Der Scheitel schillert

Ulrich Tukur 60

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Sein Gemüt trägt und spielt Schifferklavier: »Kind, du brauchst nicht weinen,/ du hast ja einen,/ und der bin ich.« Er hat den unbezwinglichen Charme des Filous, die windige Verführungskraft eines liebenswerten Gauners. Ein Typ, grausam präzise eingesetzt: als Stasi-Offizier im »Leben der Anderen«, als süffisanter Nazi-Oberjournalist im Eiger-Filmdrama »Nordwand«. Und dann der Judenretter John Rabe, ein Schindler Chinas. Er war im Film Bernhard Grzimek und Erwin Rommel. Den spielte er faszinierend nervnah: deutsche Offizierstreue, die in Zweifel umschlug; Zweifel, der in »Verrat« mündete - und dort vom tiefsitzenden Einspruch der Treue gepeinigt wurde. Zerrissenheit, das Paradies des Schauspielers.

Ja, besonders als Sänger und Pianist wirkt Tukur wie eine trotzig-schlendernde Beharrung auf Weimarer Republik und Schellackplatten. Glockenhell und schmissig-schmalzig. Hans Albers, Peter Igelhoff und Rudi Schuricke. Schön! Aber der 1957 Geborene ist keinesfalls von gestern: Der studierte Germanist wurde einer der großen Schauspieler dieser Republik. Sein Talent besteht in der Glaubwürdigkeit, mit der er spielend Extreme auslebt: Tragödie und »Tanzpalast« (so der Titel eines seiner Alben). Er war in Heinrich Breloers Film ein junger, nachdenklich-sportlicher Herbert Wehner, und bei Peter Zadek, der ihn 1984 aus der Heidelberger Provinz in den Ruhm des Hamburger Deutschen Schauspielhauses holte, gab er das fröhliche Monstrum eines SS-Mannes (»Ghetto«).

Am Burgtheater Wien inszenierte Zadek in den Neunzigern »Die Nacht des Leguan« von Tennessee Williams. Schwitziger, schwätzender US-Süden. Tukur als Hauptgestalt Shannon. Der war einst Pfarrer - mit Trieb hin zu jungen Mädchen. Nun ist er umtriebiger Reiseleiter - mit Hass auf puritanische weibliche Oldies im Bus. Tukur: der hitzige Müde, der müde Heißlaufende; ein lethargischer, dann explodierender Zyniker aus Not und Begabung. Ein Gott suchender Mann, und er sucht mit Unterleib und Seele. Tukur graziös praktisch: Gott gesucht, ein warmes Bett gefunden. Vom Beistand zum Beischlaf - selbst Pfarrer können Menschen werden. Es war Zadek, der diesen Schauspieler forderte und fraß, förderte und folterte - Tukur floh vom Theater. Als Zadek im Sterben lag, zwei Worte am Telefon: »Kommst du?« Tukur kam, mit Akkordeon. Sterbegesänge sind Liebesgesänge.

Mit Ulrich Waller leitete er einige Jahre die Hamburger Kammerspiele der Ida Ehre. Spielte Borcherts Beckmann mit einer zittern machenden Furcht: In dieser Welt, in der alles abgeschafft wird, könnte auch die Erlösung abgeschafft sein, der Tod also. Tukur hat Gespür fürs galant Tückische; er ist dramatische Dreifaltigkeit: Mephisto, Bel Ami und Charleys Tante. Herrlich sein »Tatort«-Kommissar Felix Murot: immer Irritation, immer Metaphysik, immer ein lüsternes Abirren ins Absurde. An diesem Sonnabend wird der Schauspieler, der noch jeden Striegelscheitel zum Schillern bringt, sechzig.

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