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Gefährliches DDR-Relikt im Wald

Ungesicherter Bunker der SED-Siedlung zieht Abenteurer, Rechte und Kinder magisch an

  • Von Hans-Jürgen Herget
  • Lesedauer: 5 Min.

Man möchte glauben, dass 27 Jahre nach dem Untergang der DDR auch die Bernauer Waldsiedlung endlich ihre letzten Geheimnisse preisgegeben hat. Zumal der einst streng bewachte Ort, an dem die Repräsentanten der politischen Führung der DDR hausten und sich gegenseitig aus dem Weg gingen, seit Mitte Juni offiziell unter Denkmalschutz steht. Besser gesagt, das Wenige, was der Zahn der Zeit von den alten Verhältnissen, die 1990 abrupt beendet wurden, noch übrig gelassen hat.

Kaum einer, der den Gebäudekomplex, in dem Honecker, Mittag, Mielke und Co. wohnten, besucht und der das Gelände nicht aus DDR-Zeiten kennt, kann sich anhand der wenigen greifbaren Überbleibsel wirklich einen realistischen Eindruck vom Leben der DDR-Oberen verschaffen. An den Wochenenden betreiben einige unentwegte (legale) Hobbyhistoriker einen Informationsstand vor dem Eingang und bieten Fahrten zu den Häusern und anderen Bauwerken der ehemaligen Politbürosiedlung mit einem Elektromobil an. Dafür haben aber andere (illegale) Hobbyhistoriker einen neuen Spielplatz für sich erobert.

Abseits der einstigen Wohnhäuser der Politbürosiedlung steckten im märkischen Sand fünf relativ kleine Bunker. Die drei größeren dienten unter anderem der Unterbringung des Führungsstabes der Hauptabteilung Personenschutz des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, dem geschützten »Wohnen« der Familienangehörigen der Funktionäre sowie der Sicherung der Nachrichtenverbindungen. Sie waren unter größter Geheimhaltung als erste ihres Typs in der DDR errichtet worden und selbst den Mitarbeitern der Dienstleistungseinrichtungen im Außenring des Gebäudekomplexes der Waldsiedlung nicht bekannt. Übungen unter Einbeziehung der Frauen und Kinder der Politbüromitglieder gab es nach übereinstimmenden Aussagen des ehemaligen Sicherheitspersonals aber nicht. Die beiden größten Bunker sind weitgehend identisch. Bei einer Bruttofläche von rund 900 Quadratmetern standen etwa 750 Quadratmeter als Nutzfläche zur Verfügung. Über der Bunkerdecke befand sich eine deckende Erdschicht von 1,80 Meter Stärke.

Nach dem Mauerfall kursierten im benachbarten Wandlitz und in der entstehenden Bunkerszene immer wieder Gerüchte, dass diese Bunker Atomschlägen standgehalten hätten. Die, die dies erzählten, wussten offenbar nicht, wovon sie sprachen, denn die Schutzwirkung von Bunkerdecke und Seitenwänden war vergleichsweise bescheiden. Geschuldet war dies nicht zuletzt der immer schwieriger werdenden finanziellen Situation in der DDR.

Im ehemaligen Stabsbunker, der heute verkommen und verrottet im Wald sein Dasein fristet, sollten einst im Kriegs- oder Krisenfall 135 Personen einziehen können und sich schichtweise in den wenigen je Abteilung vorhandenen Doppelstockbetten erholen. Die gesamte Einrichtung, von der heute nur noch Schrott und Müll zurückgeblieben sind, war recht spartanisch.

Im »Familienbunker« dagegen ging es etwas geräumiger, aber auch nicht wirklich gemütlicher zu. Dafür standen dort die verantwortlichen MfS-Mitarbeiter der Hauptabteilung Personenschutz beispielsweise vor dem Problem, wie man in dem ja relativ kleinen Bunker zum Beispiel Frau Stoph und Frau Mielke so einquartieren und beschäftigen konnte, dass sie sich nicht frontal im Bauwerk begegnen konnten. Denn deren »inniges« Verhältnis war in der ganzen Waldsiedlung bekannt.

Nur einige Genossen des Politbüros, einschließlich Erich Honecker, hätten im Fall des Falles ihre Arbeits- und Schlafplätze im Atombomben sicheren Bunker »Objekt 5001« in der Nähe von Prenden bezogen und wären wohl insofern auch nicht an der Lösung dieser persönlichen Konfliktsituationen beteiligt gewesen.

Inzwischen ist das Bauwerk, dessen Tarnname »Obst- und Gemüsekeller« lautete, jedoch ein Tummelplatz von selbst ernannten Bunkerfans aller Altersgruppen geworden, die ungestört dort ihrer Neugier, leicht grusligen Gefühlen und ihrer Abenteuerlust frönen. Wirklich zu entdecken gibt es dort nichts mehr. Auch wenn sich über viele Jahre hartnäckig Gerüchte hielten, dass die Bunker in der Waldsiedlung aus 200 Meter tiefen Brunnen versorgt würden und über Tunnelsysteme mit Funktionärshäusern und militärischen Anlagen in der Schorfheide sowie mit dem Gebäude des SED-Zentralkomitees in Berlin - heute Sitz des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik - verbunden seien. In Wirklichkeit reichten die Brunnen bis in eine Tiefe von 40 Meter und Tunnel gab es höchstens für Ratten und Mäuse entlang der Versorgungstrassen.

Bereits kurz nach dem Mauerfall und dem Auszug der Politbüromitglieder aus ihrem einst geschlossenen Areal wurde der Stabsbunker von der ehemaligen Politbüro-Gärtnerei für die Champignonzucht umfunktioniert. Der spätere Autor des Buches »Die WaldSiEDlung«, Paul Bergner, half damals den Pilzen beim Wachsen - damals erwachte sein Interesse an Bunkern, deren Technik und Geschichte, begann er sich zum anerkannten Experten auf diesem Gebiet zu entwickeln. Schon Anfang der 1990er Jahre regte Bergner in einer Anfrage beim damaligen Bürgermeister der Stadt Bernau, auf deren Gebiet die Waldsiedlung liegt, eine musealen Nutzung dieser Bunker für Touristen und die Patienten der Michels-Klinik an. Antwort gab es nie. Später »belästigte« er dann damit gar den damaligen Ministerpräsidenten des Landes, Manfred Stolpe (SPD). Die damalige ablehnende Antwort hat heute einen Ehrenplatz hinter seinem Spiegel im Haus.

Heute gibt es im Bunker außer ein paar alten Stühlen und zerfetzten Elektrokästen eigentlich nichts mehr zu sehen. Doch das unterirdische Abenteuer lockt trotzdem. Nur provisorisch abgestützt, ermöglicht die angehobene Eingangsabdeckung zwar einen mühsamen Einstieg, kann aber auch leicht zur tödlichen Falle werden. Besonders für Kinder und Jugendliche, die sich ohne jede Sicherung auf den Weg ins Innere machen, stellt der sich selbst überlassene Bunker eine Gefahr für Leib und Leben dar. Hakenkreuzschmierereien an den Wänden zeugen auch von ganz speziellen ungebetenen Gästen, die da zudem historisch wohl einiges durcheinander bringen. Da der Bunker außerhalb des Gebietes liegt, das das Michels-Konsortium für seine Reha-Klinik gepachtet hat, wäre die Stadt Bernau zuständig für eine ordnungsgemäße Sicherung und müsste den Zugang unterbinden. Aber offenbar besitzt dort niemand Kenntnis von dieser Gefahrenquelle.

Info: Paul Bergner »Die WaldSiEDlung«, zu bestellen im Buchhandel, über E-Mail wandlitz@gmx.de oder den nd-Shop

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