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Möglichst unauffällig

Pilotprojekt am Südkreuz testet Gesichtserkennung / Datenschützer kritisieren Einschränkung der Freiheit

  • Von Johanna Treblin und Philip Blees
  • Lesedauer: 3 Min.

Nur wenige Reisende interessieren sich für die Arbeiter, die am Bahnhof Südkreuz riesige Aufkleber auf dem Boden anbringen. Die meisten laufen über die Markierungen hinweg, ohne sie wahrzunehmen. Andere wissen, dass Bundespolizei und Bahn mit einem Pilotprojekt intelligente Videotechnik testen wollen. Einer sagt kritisch: »Das wird nicht funktionieren. Für die Bahn ist es ja schon ein Wunder, dass die Rolltreppen funktionieren.« Der Besitzer eines Imbisses freut sich: »Das ist gut! Vor einem Monat wurde uns Geld direkt aus der Kasse gestohlen«. Doch da hätten die Kameras am Bahnhof nicht funktioniert. Ein Reisender zweifelt daran, dass neutral geforscht wird: »Am Ende wird die Überwachungstechnik sowieso eingesetzt.«

Sechs Bodenmarkierungen sollen an den drei Zugängen zur Halle angebracht werden. Hinzu kommen Schilder über den Eingängen und Pfeile, die die Passanten auf die verschiedenen Bereiche aufmerksam machen sollen. Denn die Reisenden sollen sich entscheiden können: Je nach Zugang werden sie von den insgesamt drei intelligenten Kameras erfasst. Oder eben nicht.

Offiziell startet der auf sechs Monate angelegte Pilotversuch am 1. August. Zunächst sollen die Kameras Bilder in Computerprogramme einspeisen, die wiederum einzelne Gesichter und Menschen erkennen. Diese können dann mit Bilddateien abgeglichen werden. In einem zweiten Schritt sollen auch Verhaltensmuster ausgewertet werden.

Im Juni hatte die Bundespolizei am Bahnhof Südkreuz Freiwillige geworben. Teilnehmer können einen Einkaufsgutschein über 25 Euro gewinnen. Wer besonders häufig erfasst wird, kann eine Kamera, eine Uhr oder ein Fitnessarmband gewinnen. Innerhalb von vier Tagen hatte die Bundespolizei knapp 300 Freiwillige zusammen. Diese ließen Fotos von sich anfertigen, die ein Jahr lang in einer Testdatenbank gespeichert werden sollen. Die Testpersonen bekommen außerdem einen sogenannten Transponder, eine Art kleinen Sender. Über den registrieren die Computer im Bahnhof, wenn die Testperson auftaucht. So soll überprüft werden, ob die Gesichtserkennung funktioniert.

Die Bundespolizei erhofft sich mit dem Test die Abwehr von Terrorismus. Die Technik soll gesuchte Verdächtige per Gesichtserkennung herausfiltern sowie Straftaten und Gefahrensituationen durch Verhaltensanalyse erkennen.

Datenschützer haben eine Vielzahl von Bedenken. Die Bürgerrechtsorganisation Digitalcourage bezeichnete die Rekrutierung von Freiwilligen durch die Bundespolizei als »Werbung für den Überwachungsstaat«. Mit einem eigenen Stand am Südkreuz klärte sie im Juni über Videoüberwachung auf. Kurz vor Beginn der Pilotphase startete das »Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung« eine Twitterkampagne, mit dem es das Projekt kritisch begleitet. Vorstandsmitglied Benjamin Kees hält es für problematisch, dass die Kameras alle Menschen erfassten, die sich in einem bestimmten Bereich aufhielten, nicht nur die Testpersonen. Die Software analysiere also auch deren Verhalten. Wer das nicht wünsche, müsse aktiv andere Wege wählen - und sei allein dadurch in seiner Freiheit eingeschränkt. Andere würden versuchen, sich besonders unauffällig zu verhalten, ohne zu wissen, was als auffälliges Verhalten gilt.

Damit die Gesichtserkennung funktioniert, »ist Kooperation notwendig«, sagt Kees: Die Menschen müssen zumindest grob in die Richtung der Kamera schauen, um erfasst zu werden. Indem die Bundespolizei Preise ausgelobt hat für besonders häufiges Erkanntwerden, könnte es gut sein, dass die Testpersonen sich besonders bemühen, von den Kameras erfasst zu werden, indem sie keine Sonnenbrillen oder Schirmmützen tragen und absichtlich in die Kamera blicken. »Das verfälscht den Test und die Ergebnisse.«

Hakan Taş, innenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, kündigte an, den Versuch kritisch zu begleiten. Da Bahnhöfe in der Zuständigkeit des Bundes liegen, könne der Senat aber nicht viel machen. Grundsätzlich gelte: »Statt mehr Kameras brauchen wir mehr Polizisten auf den Straßen.«

Laut Benjamin Kees kann die Software auch durch bestimmte Muster, die man sich auf das Gesicht malt, ausgetrickst werden. Über die Gesichtserkennung von Facebook oder Bildbearbeitungsprogrammen wie Picasa könne jeder selbst testen, welche geometrischen Formen sich eigneten.

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