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Jubel und Frust in Budapest

Für Franziska Hentke hat sich das harte Training bereits mit WM-Silber ausgezahlt, Philip Heintz sorgt für Ärger

  • Von Andreas Morbach
  • Lesedauer: 3 Min.

Die letzten Ausläufer von Philip Heintz‘ Tirade bekam Franziska Hentke gerade noch mit. Dann war der zornige Heidelberger von der Bildfläche verschwunden, dafür trug die 28-jährige Magdeburgerin ihre Medaille vom Vorabend noch ein wenig spazieren. Hentkes zweiter Platz über 200 Meter Schmetterling war das erste Stück Edelmetall für die deutschen Schwimmer in Budapest. Der Erfolgstrunk mit ihrer Familie im Mannschaftshotel fiel für die Silber-Frau trotzdem sehr spärlich aus. »Ich bin absolute Antialkoholikerin, aber einen Schluck Sekt habe ich schon getrunken«, berichtete Hentke. »Zum Anstoßen war’s okay.« Ihr Gesichtsausdruck bei diesem Satz sah allerdings mehr nach »igitt« aus.

Keine Lust auf Beschönigungen hatte am Freitagmorgen Lagenschwimmer Philip Heintz. 17 Stunden zuvor war er auf seiner Spezialstrecke, den vier Bahnen in wechselndem Stil, nur Siebter geworden. Für ihn ein Anlass, nach dem Staffel-Aus mit der 4x200-Meter-Freistilstaffel seine zuvor schon geäußerte Kritik an der Planung von Chefbundestrainer Henning Lambertz zu verschärfen. »Ich bin der Meinung, dass der Saisonaufbau nicht gepasst hat«, betonte der Mannheimer, ehe er sich zunehmend in Rage redete.

Seinen aufgestauten Ärger will der 26-Jährige erst mal im Urlaub verrauchen lassen. Um danach ein klärendes Gespräch mit Lambertz suchen. »Wir sind im Leistungssport, da darf es durchaus mal krachen. Und er muss auch mal damit klarkommen, dass ich sage: Das war scheiße.« Nicht so gelungen fand Heintz zum Beispiel, dass die fünf Wochen zwischen der WM-Qualifikation - mit extrem harten Normen - und den Titelkämpfen in Ungarn zu kurz gewesen seien, um zwischendurch noch mal ein Höhentrainingslager einzubauen.

Diesen Malus erachtet er als entscheidenden Grund dafür, in Budapest nicht mehr an sein Leistungslimit gekommen zu sein. Allerdings gehörte der Höhentrainingsgruppe um Heintz und dessen Heimtrainer Michael Spikermann neben Staffelmann Clemens Rapp noch Florian Wellbrock an, der das Finale über 800 Meter Freistil erreichte. Und: Franziska Hentke. Die Schwimmerin, die mit einer erstklassigen Taktik gerade zum größten Erfolg in ihrer Karriere flog und dabei, wäre die letzte Bahn noch zehn Meter länger gewesen, mutmaßlich sogar Gold geholt hätte.

»Für mich hat das mit den Zeiträumen diesmal ganz gut geklappt«, sagte Hentke am Freitagmorgen bescheiden. »Aber ich denke, dass das noch besser geht.« In ihren Augen sprach also manches für, einiges aber auch gegen die These von Heintz. Nicht so bei Abteilungsleiter Lambertz, dem zum einen das öffentliche Vorpreschen des Olympia-Sechsten missfiel. Und der mit spitzer Zunge zudem darauf hinwies: »In dem fraglichen Höhentrainingslager waren vier Athleten. Drei sind gut geschwommen, einer nicht so gut.«

Philip Heintz, so sein Ratschlag, solle erst mal vor der eigenen Türe kehren und überlegen, ob er sich nicht zu früh in den Gedanken verrannt habe, er könne in Budapest nicht noch mal schnell schwimmen. Das beste Gegenbeispiel lieferte in der Duna Arena Franziska Hentke. »Meine Leistung hier war gut. Trotzdem bin ich nicht persönliche Bestzeit geschwommen, das kann ich noch optimieren«, erklärte sie - und gab sich hochmotiviert: »Ich freue mich jetzt einfach auf die nächsten Jahre.«

Die Arbeitswut von Henning Lambertz dürfte der frische Querschläger von Philip Heintz wieder etwas in Mitleidenschaft gezogen haben. Als »ermüdend« empfindet der Bundestrainer seinen Job als deutscher Schwimmchef mitunter. Zu Franziska Hentke fand er diesmal aber nur lobende Worte. »Sie und ihr Trainer haben das irre hingekriegt«, erklärte der 46-Jährige und bezeichnete Hentkes Erfolg als einen »großen Schritt« in Richtung Olympia 2020: »Franziska hat es uns vorgemacht - dass man mit konstant harter, akribischer Arbeit über viele Jahre hinweg zum Erfolg kommen kann.« Lambertz will Hentkes Silberplakette als einen Appell an alle verstanden wissen, die grübeln, ob sich der Aufwand lohne. »Ja, er lohnt sich«, glaubt der Bundestrainer. »Wenn man so hart arbeitet, kommt der Erfolg am Ende. Irgendwann.«

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