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Der moderne Brückentechnologe

Helmar Rendez, Chef der Lausitz Energie AG, glaubt an die Energiewende

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

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55 Jahre ist Helmar Rendez alt. 19 Jahre hat er für den schwedischen Staatskonzern Vattenfall gearbeitet. »Jetzt habe ich einen tschechischen Investor«, sagt der Vorstandsvorsitzende der Ende vergangenen Jahres neu gebildeten Lausitz Energie AG (LEAG), die von Vattenfall die Braunkohletagebaue und Kraftwerke in der Lausitz übernommen hat.

Der Investor, das ist die Energetický a Průmyslový Holding, die Energie- und Industrieholding, kurz EPH. Von den Managern, mit denen Rendez es nun zu tun hat, sei der Älteste 38 Jahre alt, berichtet er. Von diesen tschechischen Kollegen erlebe er eine Höflichkeit und eine Wertschätzung für die geleistete Arbeit, wie sie im Wirtschaftsleben sonst selten zu finden sei. Die jungen Manager wollen keine aufwendigen Präsentationen, keine dicken Papiere, sondern nur die Fakten - und mit ihnen kommt die Digitalisierung voran.

In den Kraftwerkskesseln und über den Tagebauen fliegen Drohnen und liefern Zustandsbilder. Es gibt bei der LEAG nun ein Team von zehn Mitarbeitern, die Ideen für 100 Projekte zur Digitalisierung entwickeln. Da geht es beispielsweise um den Einsatz von Tablets, die Benutzung elektronischer Türschließsysteme statt klassischer Schlüssel und um eine App, mit der die Mitarbeiter die Dienstreisekosten per Mobiltelefon unkomplizierter abrechnen können als mit der bisherigen Antragstellung und Belegsammlung. Flexibler und effizienter soll das Unternehmen werden, erklärt der nach eigenem Bekunden überzeugte Anhänger der Marktwirtschaft. »Das ist wie im Sport. Kein Rekord hält für die Ewigkeit.«

So ungefähr soll also die Zukunft aussehen. Aber hat die LEAG angesichts der Energiewende überhaupt eine Perspektive? Rendez denkt: »Ja.« Zu dieser Überzeugung gelangt er keineswegs durch Realitätsverweigerung. Im Gegenteil. Er urteilt nüchtern: »Kein Aufsichtsrat würde heutzutage noch den Bau eines neuen Kohlekraftwerks genehmigen, egal ob Stein- oder Braunkohle.« Die Nutzung des Rohstoffs sei endlich, weiß er. »Es gibt für die Energiewende einen weitgehenden gesellschaftlichen Konsens«, versichert er. »Wir wollen auch von der Energiewende profitieren. Wir haben neue Geschäftsmodelle. Aber man kann nicht über eine Brücke gehen, bevor sie fertig ist.«

Da ist sie wieder, die altbekannte und eigentlich unbestrittene These von der Braunkohle als Brückentechnologie. Auf der anderen Seite des Ufers wartet eine Welt oder zumindest eine Bundesrepublik, die sich ausschließlich mit erneuerbaren Energien versorgt. Umstritten ist nur der Zeitpunkt. Für Rendez besteht kein Zweifel, dass die Energiewende gelingt. Es werde nur länger dauern, als 2010 gedacht. Denn damals sei angenommen worden, dass bis 2020 mehr Strom eingespart wird, mehr Häuser besser wärmegedämmt sind und mehr Elektroautos fahren, und dass die Atomkraftwerke länger laufen. Nach der Bundestagswahl am 24. September müsste die Politik nach Ansicht von Rendez eine ehrliche Bestandsaufnahme machen, die Situation eingestehen und einen realistischen Zielkorridor für den Braunkohleausstieg definieren.

Für Brandenburg war und ist das Jahr 2030 im Gespräch. Rendez sagt: »25 bis 30 Jahre haben wir noch Kohle. Das ist der Horizont.« Um die klassischen Argumente der Braunkohlebefürworter ist er nicht verlegen. Er erinnert an die 8000 Mitarbeiter in der Lausitz, was zusammen mit den Ausgaben für die vielen Zulieferer eine Kaufkraft von zusammen einer Milliarde Euro jährlich bedeute. Er verweist außerdem auf die 12 000 Beschäftigten, deren Jobs indirekt von der Braunkohle abhängen. Rendez äußert auch, dass man sich von dem Gedanken verabschieden müsse, ausgerechnet in Brandenburg und Sachsen das Weltklima retten zu können, wo doch allein in China bis 2020 Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 110 Gigawatt errichtet werden sollen. In Indien seien es 67 Gigawatt und in der Türkei 65. Dann kommt er auf die Versorgungssicherheit zu sprechen und darauf, dass die Deutschen gewohnt sind, dass immer Saft auf der Steckdose ist, weil es in der Bundesrepublik im Vergleich mit europäischen Nachbarn kaum Stromausfälle gibt. Braunkohlekraftwerke könnten noch eine Weile dafür sorgen, dass es dabei bleibt. »Wir sind so etwas wie die Innenverteidigung der Energiewende«, argumentiert der Triathlet Rendez mit einem Vergleich aus der Fußballwelt.

Während der Vorstandsvorsitzende bei einem Frühstück in einem Berliner Kaffeehaus dergleichen erwähnt, zückt er sein Smartphone und schaut nach, was die Megawattstunde Energie an der Strombörse gerade kostet - an einem Tag mit ein bisschen Wind und viel Sonne. Es sind 36 Euro. Vor einigen Monaten waren es noch 20 Euro und er erinnert auch noch an den Kostenfaktor Ökostrom.

Aber Rendez beschränkt sich nicht auf Innenverteidigung. Er beherrscht auch das kreative Spiel im Mittelfeld und den gekonnten Abschluss im Sturm, und zwar wenn er ins Detail der technischen Möglichkeiten geht, über den Wirkungsgrad der Lausitzer Braunkohlekraftwerke informiert - 44 Prozent, »das ist Weltspitze«. Wenn er die Effizienz von Gas- und Kohlekraftwerken vergleicht, die Chancen beschreibt, Wind- und Solarenergie in Pumpspeicherwerken oder Autobatterien zu bunkern, und wenn er auf die Variante eingeht, mit Windstrom Wasser zu kochen und zum Heizen zu verwenden.

Rendez hat schon in verschiedenen Bereichen des Energiesektors gewirkt, darunter im Netzbetrieb und bei den grünen Technologien. Dieser Mann kann nicht nur Braunkohle - und gewinnend reden kann er auch.

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