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Wo Plastikrohre zu Säulen werden

Michael Demke baut, was das Berliner Kriminaltheater für alle Fälle braucht

»Also hier ist Erbarmen. Da ist der Zinker ...« Michael Demke führt durch seine Werkstatt in der Friedrichshainer Auerstraße. Er muss nur Einzelstücke sehen, um die Titel der Inszenierungen des Kriminaltheaters herunterzurasseln. Alles ist hier sauber aufgereiht bis zum Werkzeug. Zange an Zange. Mit dem Platz muss er haushalten. Komplette Bühnenbilder lassen sich in seinen Räumen kaum lagern. Einiges könnten die »Jungs da drüben« unter und neben der Bühne verstauen oder es sei gerade unterwegs zu Gastspielen. Mit »da drüben« ist das Theater in der Palisadenstraße gemeint, wo es kaum Platz für Requisiten gibt.

Demke half im Jahr 2000 bei der ersten Produktion des gerade gegründeten Theaters, und auch danach half er immer wieder. 2014 übernahm er die »Zentralwerkstatt«, wie er sie scherzhaft nennt. Der Mann ist eben ein echter Berliner aus Prenzlauer Berg, humorvoll, mit dem Herz und dem Mundwerk auf dem rechten Fleck. Bisher wirkte er an Bühnenbildern für 24 Kriminalinszenierungen mit. Er hat sein Schaffen sauber aufgelistet. Wenn sich Ende September mit der nächsten Agatha-Christie-Premiere ein Mord ankündigt, verbucht er für sich also ein kleines Jubiläum. Was für das Stück gebraucht wird, ist fertig vor dem Sommerurlaub - und ab geht’s mit seiner Frau traditionsgemäß nach Dänemark. Ganz in den Norden. Doch sein Kollege Jens Mrosek ist am Platz. Es kann ja mal was kaputtgehen bei den Proben.

Das, was Demke jetzt für die Bühne macht, sei nicht direkt sein Beruf, räumt er ein. Er lernte Theaterplastiker in der Staatsoper unter den Linden, arbeitete für das Deutsche Theater, in den Kammerspielen, im Berliner Ensemble. Heute entstünden die Bühnenbilder für fast alle großen Berliner Bühnen in den Werkstätten der Opernstiftung. Das sei kein Vergleich mehr, obwohl damals die Häuser auch nennenswerte Werkstätten und Malsäle hatten. An großartigen Kostümplastiken war er beteiligt. »Nee, Dekoration war das nicht, sondern Masken und Tiere. Janze Pferdeherden!« Er sah die Großen des Metiers arbeiten. Von Legenden wie Wolfgang Heinz schwärmt er, von Walter Felsenstein, Manfred Wekwerth. »Mitunter wurden wir bei den Proben gebraucht. Wann immer sich die Möglichkeit ergab, sah ich zu. Es war ein Genuss.«

Ab 1974 war Demke am Metropol-Theater, dem jetzigen Admiralspalast. »Bis, naja, bis zum unseligen Ende am 18. August 1997.« Ein dramatischer Tag. Den werde er nie vergessen, sagt er. Nach der Sommerpause versammelten sich alle im Hof - bis hin zu Orchestermusikern und Balletttänzerinnen und -tänzern. Alle wurden in den Saal des Operettenhauses gerufen. Auf der Bühne standen ein paar Kartons. Da seien die notwendigen Papiere fürs Arbeitsamt drin, wurde in dürren Worten mitgeteilt. Das war’s dann. Schluss, aus, Ende.

Nun etwas Neues finden im deutschsprachigen Raum. »Meine Berufserfahrung war etwas wert. Aber dann sah man auf mein Geburtsdatum. Gesucht wurden 20-Jährige mit der Berufserfahrung Hundertjähriger. Ich hatte die 35 schon überschritten.« Noch im Jahr 2000 kam ein Hilfeschrei aus Cottbus, wo man ihn kannte. Dringend wurde dort jemand wie er gebraucht. »Ist ja ooch nicht gleich um die Ecke, dachte ich mir. Dorthin umziehen wollten wir nicht. Aber mit den Öffentlichen kam ich gut hin.« So wurden es noch einmal spannende Jahre am dortigen Staatstheater. »Auch architektonisch ein beeindruckendes Haus!«

Theater ist Theater und längst nicht immer, wonach es aussieht. Demke grübelt, improvisiert, verbaut so einiges, was eine andere Bestimmung hatte. Holzscheiben schafft er heran, aus denen er spezielle Tische zaubert. Plastikrohre werden zu Säulen. Wenn beim »Seelenbrecher« ein Fahrstuhl in Funktion ist, verbirgt sich dahinter manches Geheimnis. »Sobald durchsickert, wat als nächstes kommt, mache ick mir meine Jedanken. Kommt dann der Bühnenbildner mit dem Modell, kann es losgehen.«

Er sei nicht von gestern, versichert Demke, aber das Digitale reize ihn wenig. Er vertraut der Elektronik nicht. »Kann ausfallen. Und die hat mir auch noch nichts gebaut.« Wände auf der kleinen Bühne während der Vorstellung per Fernbedienung zu verschieben, sei für ihn keine Option. Die sollten so gebaut sein, dass alles gut per Hand zu bewerkstelligen ist. »Der Ablauf darf nicht gefährdet werden. Dass dabei jemand tot umfällt, ist recht unwahrscheinlich.«

Hoch hinter seinem Sitzplatz in der Werkstatt steht ein kleines Haus auf einem Schrank. Rohbau. Das sei sein Alterswerk, schmunzelt Michael Demke. Es soll ein Puppenschloss werden für die Enkel. Er habe bloß keine Zeit, daran zu arbeiten. Bei Urlauben in Dänemark sah er in einem kleinen Museum ein wundervolles kleines Schloss. Ein englischer Adliger ließ es einst für seine Tochter bauen. Das Mädchen meinte, es hätte im Garten Elfen gesehen, und wollte vom Vater wissen, wo sie wohnen. Das konnte er nicht sagen.

Als Antwort ließ er stattdessen ein Schlösschen für Elfenkönig Oberon und seine Familie bauen. Eine schöne Geschichte ist das.

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