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Regen fegen

Alexander Ludewig über das Leben unter dem Meeresspiegel

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit Wasser kennen sich die Rotterdamer aus. 1230 gilt als Gründungsjahr ihrer Stadt. Damals siedelten sich die ersten Menschen an der Rotte an und bauten den ersten Damm. Dieser Fluss gab den Namen, ist aber ein kleinerer von vielen, die sich durch die Metropole der Provinz Südholland hin zur Nordsee ziehen. Unzählige Deiche schützen die zweitgrößte Stadt der Niederlande noch immer: Denn Rotterdam liegt größtenteils unterhalb des Meeresspiegels. Pumpen müssen dafür sorgen, dass das Grundwasser die Stadt nicht überflutet.

Wasser ist wichtig in Rotterdam: An der Rheinmündung lebt es sich mit dem drittgrößten Seehafen der Welt recht gut. Mehr als 300 000 Menschen hält er in Lohn und Brot. Wenn es allzu oft von oben kommt, kann Wasser aber auch lästig sein. Zwölf Tage im Monat regnet es durchschnittlich in Rotterdam. Wie am Sonnabend, als nach heftigem Dauerregen das Spiel zwischen den deutschen und dänischen Fußballerinnen abgesagt wurde.

Das war wirklich sehr schade. Denn das Het Kasteel wäre eine passende Kulisse für ein atmosphärisch schönes Viertelfinale unter Flutlicht gewesen. Die Spielstätte von Sparta Rotterdam wurde 1916 erbaut, ist das älteste Fußballstadion in den Niederlanden – und war mit seinen gut 11 000 Plätzen an diesem Abend fast ausverkauft. Das ist selten genug bei dieser EM.

Het Kasteel – die Burg – steht in Spangen, ein Arbeiterviertel im Stadtteil Delfshaven. Der Name deutet daraufhin: Auch hier wurde früher am Hafen gearbeitet, der heute ein Museum ist. Wirklich zeitgemäß ist das Stadion auch nicht, reizvoll aber allemal. Die alte Haupttribüne steht noch immer: ein roter Backsteinbau mit fünf Türmen. Sie ist schon fast ein Wahrzeichen Rotterdams. Nachdem im Mai 1940 fast die komplette Innenstadt durch deutsche Bomben zerstört wurde, entschied sich Rotterdam beim Neuaufbau für die Moderne. Altbauarchitektur sieht man nur noch sehr vereinzelt.

Auch die eigentlichen Hausherren hätten statt eines Mittagskicks am Sonntag einen großen Fußballabend verdient gehabt. Sparta Rotterdam wurde im April 1888 gegründet und ist der älteste noch existierende Klub im niederländischen Profigeschäft. Und: Schon 1896 versuchte der Verein eine Frauenabteilung aufzubauen. Der nationale Fußballverband hatte es verboten.

Weil das Wasser zum Leben in Rotterdam dazugehört, ließen sich die meisten auch den Sonnabend nicht verderben. Zwei TV-Journalistinnen standen knöcheltief im Wasser – sie moderierten einfach barfuß. Die vielen Volunteers machten aus dem Versuch, den Rasen doch noch fußballtauglich herzurichten, ein Spiel: Regen fegen. Mit ihren Besen in der Hand stellten sie sich auf, nahmen Anlauf und schoben dann so viel Wasser wie möglich über den Spielfeldrand. Die Zuschauer feuerten an und jubelten.

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