Werbung

Südkreuz-Test ist nur Vorstufe zur totalen Überwachung

Wenngleich mit Hindernissen, die Vernetzung diverser Personendateien bei den Behörden schreitet weiter rasant voran

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Man nehme ein paar Schminkfarben und bemale sich wie ein Mohikaner. Die Aktion kostet im Versandhandel rund zwanzig Euro. Und etwas Mut, weil Zeitgenossen sich ihre Gedanken machen werden. Einfacher kann man sich mit Produkten der Firma ThatsMyFace tarnen. Die hat sich auf die Herstellung von Latex-Gesichtsmasken mit Hilfe von 3D-Druckern spezialisiert. Besonders findige Spaßvögel planen angeblich bereits, sich das Konterfei eines der meistgesuchten Verbrecher aufs T-Shirt zu drucken. Fünf »Al Capones« an fünf Orten zugleich, das bringt Systeme an den Rand des Elektronikwahns.

Doch bis dahin wird es noch dauern. Denn noch ist nicht ausgemacht, dass das von der Bundespolizei, dem Bundeskriminalamt und der Deutschen Bahn eingesetzte System zur biometrischen Erfassung von Gesichtern etwas taugt. Denn dazu braucht es mehr als die Worte des Bundesinnenministers Thomas de Maizière (CDU). Der hatte im Vorfeld der Aktion gesagt, der technische Fortschritt dürfe nicht vor den Sicherheitsbehörden haltmachen. Und: »Intelligente Gesichtserkennungssysteme könnten in Zukunft noch deutlich bessere Resultate bringen.« Die Betonung liegt Zukunft und auf intelligent.

Das Problem ist nicht die Vergleichsdatei. Biometrische Fotos sind bei der Beantragung von Personaldokumenten inzwischen international Standard. Auch auf Flughäfen kann man bei der »Einlasskontrolle« mühelos abgelichtet werden. Vorbild ist wie so oft die Homeland Security in den USA. Ende Dezember 2015 verfügte beispielsweise die US-Bundespolizei FBI über 411,9 Millionen biometrische Konterfeis von US-Bürgern und Ausländern.

Lediglich 30 Millionen stammen davon aus der hauseigenen Sammlung. Der »Rest« wurde aus Dateien anderer Behörden entnommen. Die meisten »Porträtfotos« hat dabei die Konsularabteilung des US-Außenministeriums abgegeben – aus Visa-Anträgen. Vor zwei Jahren waren das bereits 140 Millionen Fotos. 6,7 Millionen Aufnahmen stammen vom Automatischen Biometrischen Identifikationssystem des Pentagons. Wo immer US-Militärs jemand in Gewahrsam nehmen, ein Foto springt dabei immer heraus.
Die Vernetzung verschiedener Dateien, in denen biometrisch verwertbare Informationen gespeichert werden, ist machbar. So ist es technisch auch kein Problem, diese Personenmerkmale mit Adress-, Bank- oder medizinischen Dateien zu verknüpfen. Fingerabdruck- und Gendatenbanken kann man angliedern.

Am Flughafen in Prag, wo 145 Spezialkameras den Transitbereich, die Gates und sogar Verbindungskorridore überwachen, ergänzt man die Gesichterkennungsresultate sogar mit der automatischen Nummernschilderkennung. Wie erfolgreich, darüber schweigen die Behörden. Alles machbar. Wenn man die Gesetze entsprechend frisiert oder missachtet.

In den vielgestaltigen Überwachungssystemen gibt es eine entscheidende Frage: Wie fische ich ein Gesicht aus tausend anderen heraus? Und zwar sekundenschnell. Als die Innenministerkonferenz vor einigen Wochen grünes Licht für den sechswöchigen Feldversuch am Bahnhof Südkreuz gab, reagierten Fachleute der Gewerkschaft der Polizei (GdP) skeptisch. »Der Vorschlag zeugt eher von politischem Aktionismus, als von wohlüberlegter Polizeitaktik«, sagte GdP-Vizechef Sven Hüber. Die Minister hätten das Okay für etwas gegeben, was »es praktisch noch nicht gibt«. Und das, was es gibt, sei für den realen Einsatz – ganz abgesehen von datenschutz- und anderen rechtlichen Hürden – noch nicht einsatztauglich.

Diese Erfahrung macht man weltweit und auch im deutschen Bundeskriminalamt (BKA) immer wieder. Das BKA in Wiesbaden hat schon seit rund eineinhalb Jahrzehnten mit Universitäten und Firmen Forschungsprojekte initiiert. Sogar mit Psychologen und Werbeleuten unterhielt man sich, um herauszufinden, wie man große, höchst heterogene Menschengruppen für möglichst lange Zeit dazu bringt, bewegungslos zu verharren und interessiert auf einen Punkt zu gucken.

Man könnte es mit der Wahrheit versuchen, indem man eine Leuchtschrift »Vorsicht Kamera!« – mindestens zehnsprachig – installiert. Doch vermutlich ist der Titel urheberrechtlich geschützt. Die Idee für eine simplere Methode liefern dagegen TV-Übertragungen von Fußballspielen. Was passiert, wenn eine Kamera auf die Ränge gerichtet ist? Die Leute erkennen sich auf Großbildschirmen. Die Freude darüber ist groß. Und die Chance für ein gutes Bild auch. Wer also demnächst in einem deutschen Bahnhof eine Rolltreppe hinabfährt und sich live auf einer Leinwand sieht, der sollte insgeheim sein Strafregister Revue passieren lassen.

Selbst wenn der Versuch am Bahnhof Südkreuz nun aus Sicht der Veranstalter positive Ergebnisse bringen sollte, dann wäre das eine Insellösung. Auf Anhieb ließen sich weiter Hotspots auflisten, an interessierte Behörden und Firmen mit Hilfe von Gesichterkennungssystemen nach Terroristen, Drogendealern oder notorischen Schwarzfahrern suchen könnten. Und dann? Dann fehlen noch immer genug Polizisten, die die Verdächtigen dingfest machen können.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen