Hugo Daniels (London, 1939)

Unbekannte Bekannte

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Rings um mich her schnarchten die Männer. Ich wälzte mich auf der Pritsche, schlaflos im Schlafsaal des Obdachlosenasyls, Mütze und Mantel und Schuhe hatte ich anbehalten, meinen Koffer dicht hinterm Kopf verstaut, und wollte nicht begreifen, dass keiner gekommen war, um mich vom Bahnhof abzuholen.

Nicht eines der Kinder, die mit mir auf Transport gewesen waren, ist zurückgeblieben, alle waren sie längst in der Obhut von Verwandten oder englischen Pflegeeltern. Nur ich hatte ausharren müssen, vier geschlagene Stunden, bis ein Mann von der Bahnhofsmission sich meiner annahm, die Telefonnummer eines Hugo Daniels herausfand, dort anrief, und mich, als niemand antwortete, auf einem Doppeldeckerbus nach East London ins Asyl brachte. Dort, so erklärte er mir in simplem Englisch, sollte ich die Nacht verbringen - anderntags würde man weitersehen.

Im Morgengrauen saß ich aufrecht auf der Pritsche, nippte an dem Blechbecher mit Tee und grübelte. Das Warten dehnte sich endlos. Schließlich hörte ich den Wachmann etwas rufen, das wie mein Name klang: »Kofmen!« In der Tür vom Schlafsaal stand ein hochgewachsener Herr in dunklem Mantel, steifem Hut und mit einem Schirm überm Arm. Ich lief zu ihm hin. »Da bist du endlich«, sagte er in seltsam klingendem Deutsch.

Wer? Ich? Das traf doch eher auf ihn zu. Seine Erklärung, ihm sei gesagt worden, ich käme erst heute an, konnte ich nicht annehmen - waren doch all die anderen Kinder pünktlich abgeholt worden! Er musste mich einfach vergessen haben. Es täte ihm leid, sagte er jetzt, doch was nicht zu ändern sei, sei nicht zu ändern. Ich blieb stumm. Dankbar sein!, dankbar sein!, dankbar sein!, war mir von den Eltern aufgetragen worden. So nahm ich also meinen Koffer und folgte Herrn Daniels zum Taxi, das vor dem Asyl parkte.

Lange fuhren wir durch den Londoner Nebel, bis wir zu einem prächtigen Gebäude gegenüber einem Park gelangten. Ein Aufzug trug uns zu einer geräumigen Wohnung mit antiken Möbeln, Kupferstichen an den Wänden und Gemälden von Seelandschaften mit Schiffen - wohl seine Schiffe, denn Herr Hugo Daniels war Reeder, wie mein Vater mir erklärt hatte, ein reicher Schiffseigner, der in England für mich sorgen würde.

Ein Diener nahm mir Mütze und Mantel ab, auch den Koffer, und zeigte mir die kleine Toilette neben dem Wohnungseingang, wo ich mir Gesicht und Hände waschen könne. Dann brachte er mich zu einem Raum, wo zum Frühstück gedeckt war. Herrn Daniels, der schon da war, Onkel Hugo zu nennen, wollte mir nicht über die Lippen, bislang war auch keine Rede davon gewesen. Er wirkte streng, wie er da saß, das grau melierte Haar korrekt gescheitelt, die Wangen sorgfältig rasiert, der Mund schmal wie der Riss in einer Maske. Er fragte nicht nach meinem Vater, nicht nach der Mutter, nicht nach unserem Leben in Deutschland, auch nicht nach meiner Reise. Doch merkte er, dass ich wohl müde sei nach der Nacht im Asyl - es täte ihm leid, dass es so gekommen war, sagte er noch einmal, doch was nicht zu ändern sei, sei nicht zu ändern.

Dann fragte er, ob mir heute noch eine Reise zuzumuten wäre, die verglichen mit der anderen ein Katzensprung sei. »Noch heute?« fragte ich. Er nickte. Ich nickte - und dachte wieder ans Dankbarsein. Dem lautlos eingetretenen Diener gab er Anweisung, mir das Sofa im Arbeitszimmer zu zeigen, wo ich mich ausruhen könne. Der Diener verbeugte sich beflissen. Als ich aufstand, zog er sanft meinen Stuhl nach hinten. Herr Daniels hob leicht die Hand und verwies darauf, dass um 12 Uhr 43 ein Personenzug nach Kent führe. »My man Wilmers wird dich zum Bahnsteig bringen und gegen drei wirst du in Faversham abgeholt - darauf mein Wort!« Er lächelte. Von Faversham sei es nicht weit zum Internat, fügte er noch hinzu.

Ehe ich dem Diener folgte, winkte er mich noch einmal zu sich. »Und dies zur Zerstreuung auf dem Weg«, sagte er und gab mir eine Zeitschrift mit dem Titel »World Wide Magazine«. Ich sagte nicht, dass ich die kaum lesen könne, weil mein Englisch dafür nicht reichte. Stattdessen bedankte ich mich, auch für die fünf Schillinge, die er für mich in eine lederne Börse zählte. »All the best, my boy«, sagte er, »pot luck!« Und damit überließ er mich dem Diener.

Seitdem sollte ich ihm nur noch einmal begegnen, im Internat, dem er bei Kriegsbeginn einen Besuch abstattete, wohl auch, um mir mitzuteilen, dass er für die Eltern nun nichts mehr tun könne - was nicht zu ändern sei, sei nicht zu ändern …

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung