Werbung

Gentechnischer Reparaturversuch

Internationales Forscherteam setzte neues Verfahren an menschlichen Keimzellen ein

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Team von Wissenschaftlern aus China, Südkorea und den USA hat bei Embryonen einen Gendefekt korrigiert, der andernfalls zu einer fatalen Herzmuskelverdickung (Hypertrophe Kardiomyopathie) führt. Benutzt wurde dabei die Gen-Schere CRISPR/Cas9. Einen ähnlichen Versuch hatte es bereits in China gegeben, wobei es allerdings sowohl zu unerwünschten Genveränderungen kam als auch zu einem Gemisch veränderter und unveränderter Zellen im Embryo.

All das habe man diesmal trotz sehr umfangreicher Überprüfungen nicht gefunden, berichten die Forscher im Fachjournal »Nature«. Anders als bei den früheren chinesischen Versuchen wurde die Genschere nicht auf den Embryo angesetzt, sondern zusammen mit den Spermazellen, die die störende Mutation tragen. Für Jan Korbel vom Europäisches Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg zeigt das, dass die Reparaturmechanismen in der Phase der Vereinigung der Keimzellen offenbar wesentlich genauer arbeiten als im späteren Embryo. Während das Team um Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health and Science University in Portland verkündet, mit dem Verfahren könne man eines Tages tausende Erbkrankheiten verhindern, sind deutsche Kollegen wie Korbel und der am Berliner Max-Delbrück-Centrum forschende Immunologe Klaus Rajewsky etwas zurückhaltender. Rajewsky findet in der »Nature«-Veröffentlichung zwar wertvolle Erkenntnisse für die Grundlagenforschung, bemängelt aber, dass bei mehr als der Hälfte der reparierten Zellen ein fehleranfälliger Reparaturmechanismus aktiv wurde. Wegen der immer noch hohen Fehlerquote von 28 Prozent bringe »diese Methode der Geneditierung kaum einen Fortschritt gegenüber der klassischen PID (Präimplantationsdiagnostik - d. Red.)«.

Bemerkenswert an dem Forschungsergebnis aus den USA ist allerdings weniger ihr Erfolg oder Misserfolg, sondern das deutlich veränderte Echo in der öffentlichen Meinung, wie der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats Peter Dabrock vermerkt: »Gab es nach der ersten chinesischen Studie vor zwei Jahren noch weltweite Empörung und einen nahezu einhelligen Konsens, wenigstens auf die Implantation genmanipulierter Embryonen verzichten zu wollen, scheint man heute nur noch um den Zeitraum zu streiten, wann es denn so weit sei.«

Bei der jüngsten Studie jedenfalls war es noch nicht so weit. Die Embryonen wurden nach wenigen Tagen zerstört - schon um die Zellen genauer zu untersuchen.

Trotz ihrer vollmundigen Versprechungen sehen auch die Autoren der aktuellen Studie noch einige Arbeit vor sich. »Die Verfahren zur Genom-Editierung müssen optimiert werden, bevor klinische Anwendungen erwogen werden«, schreibt das Autorenteam. Generell entwickelten sich die Embryonen jedoch normal. »Dennoch gibt es eine klare Notwendigkeit sicherzustellen, dass solche Strategien keine anderen schädigenden Wirkungen auf den sich entwickelnden Embryo und sein Genom haben«, schreiben Nerges Winblad und Fredrik Lanner vom Stockholmer Karolinska Institut in einem »Nature«-Kommentar.

Dabrock möchte sich da nicht allein auf die Einsicht der Wissenschaftler verlassen: »Ich würde mir wünschen, dass die Vereinten Nationen (UN) eine Resolution beschließen, dass zumindest die Implantation genmanipulierter Embryonen so lange verboten bleiben muss, bis dadurch verursachte Gesundheitsrisiken ausgeschlossen werden können.« Angesichts der Zustände globaler Politik bleibe ein solch starkes Signal wohl ein Wunschtraum, fürchtet Dabrock. »Viel Zeit bleibt weder für gesellschaftliche Diskurse noch politisches Handeln, bis ehrgeizige Wissenschaftler unverantwortliche Fakten gesetzt haben.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!