Archäologe und Mensch

Das Schwule Museum würdigt »Winckelmann - Das göttliche Geschlecht«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein Plakat mit einem idealisierten Profil feierte in der DDR die dicht aufeinander folgenden Denkwürdigkeiten des Johann Joachim Winckelmann: 1967 seinen 250. Geburtstag, 1968 den 200. Todestag. Literarische Würdigungen erschienen, so Heinrich Alexander Stolls »Tod in Triest«, Jutta Heckers »Traum der ewigen Schönheit«. Doch weder in beiden Lebensgeschichten noch im Katalog des Stendaler Winckelmann-Museums wird ein wesentlicher Aspekt des Altertumsforschers klar thematisiert: seine schon zu Lebzeiten bekannte, von Goethe ausgesprochene Homosexualität. Auch die einbändige Werk-Ausgabe des Aufbau-Verlags von 1976 macht um dieses »pikante« Geheimnis einen Bogen. Erst Wolfgang Leppmanns »Winckelmann. Ein Leben für Apoll« (Fischer-Taschenbuch, 1986) redet Tacheles, dann freilich in Kenntnis der 1964 aufgefundenen, recht bald übersetzten Akten vom Prozess gegen den Mörder des Gelehrten.

Nun steht das nächste Doppelgedenken ins Haus, 300. Geburtstag des in Stendal als armer Flickschustersohn geborenen, 250. Todestag des zu Triest heimtückisch erstochenen Präfekten der römischen Altertümer. Eine beispiellose Karriere, bewundert in ihrem sozialen Aufwärts; Freund bedeutender Persönlichkeiten, als exklusiver Kunstführer durch Roms Antike von gebildeten Kulturreisenden vielbegehrt. Schriftsteller von Rang und - so durch sein Hauptwerk »Geschichte der Kunst des Altertums« - Begründer der modernen Archäologie, dessen gewaltsames Ende ganz Europa erschütterte. Möglicherweise das erste bekannte schwule Mordopfer, dem im Lauf der Zeiten viele folgten, von Gründgens über Pasolini bis Versace. Ein feingeistiger Ästhet, der mit seiner Beschreibung des Apoll von Belvedere auf nur zwei Seiten dem kalten Marmor geschliffene Sprachwärme gab und in ihm »das höchste Ideal der Kunst« zumindest des Altertums sah. Und doch auch: Winckelmann, der innerlich Zerrissene, ob nur vom schwindelerregenden Aufstieg oder nicht auch von jener geheimen Neigung, die er offenbar in Rom auslebte, über die er aber nur ganz wenigen Freunden in Briefen berichten durfte. Ein Nervenzusammenbruch soll ihn, bereits auf der Rückreise nach Deutschland und nach einem Besuch bei Kaiserin Maria Theresia in Wien, zur überstürzten Rückkehr ins Refugium Rom bewogen haben. Zuvor, noch in Triest, ereilte ihn unter nicht vollständig geklärten Umständen sein Schicksal: durch einen simplen Raubmörder oder einen Kriminellen, den der arglose Foscher zu dicht an sich herangelassen hatte.

Beruft sich die Kunstgeschichte vornehmlich auf Winckelmanns wissenschaftliche Leistung und ihren Nachhall in den folgenden Epochen, wie in der Ausstellung der Klassik Stiftung Weimar, so beleuchtet das Schwule Museum eher den »privaten« Gelehrten im Spannungsfeld zwischen einer begeisterten Antikerezeption und seinem intimen Begehren: einer, der auch im Leben sucht, was er in der Kunst bewundert, den Idealkörper. Der sich voll griechisch antikisierender Schwärmerei in Jünglinge verliebt, die seiner Leidenschaft nicht gewachsen sind oder sein wollen und Winckelmann bitter enttäuschen. Als Sublimierung bleibt ihm - die antike Kunst. In zwei ansprechend gestalteten Räumen und mit beinahe 150 Exponaten, Gemälden, Zeichnungen, Büchern und Fotos, holt »Winckelmann - Das göttliche Geschlecht« den Geistesheroen mit seinem erotischen Verlangen zurück auf menschliches Format. Freundlich, gütig, warmherzig empfängt eine Büste nach dem Original aus Goethes Besitz. Auch Angelika Kauffmanns berühmtes Porträt zeichnet noch als Nachstich ein sympathisches Bild. Weitere Exponate forschen Winckelmanns Weg nach, zeigen seine Erstbegegnungen mit Kunst der Antike und Personen seines Umfelds. Zehn kleine Abteilungen umspielen das Thema der Ausstellung.

Bedeutet der Umzug nach Italien den Einstieg in ein freieres Leben, wie es auch andere suchten, so bietet es Winckelmann beides: Liebeserfahrung und Ermunterung dazu - durch die Bekanntschaft mit einschlägigen Zeugnissen der Antike, die Paarungen zwischen Mann und Knabe darstellen: Zeus und Ganymed, Chiron und Achill, Pan und Daphnis, Sokrates und Alkibiades. Immer wieder haben Künstler unter dem Deckmantel antiker Bezugnahme solche Sujets aufgegriffen und gestaltet. Winckelmann führten auch diese Darstellungen zum Kanon des Schönen, der nicht in der Natur zu gewinnen sei, sondern nur in Nachahmung antiker Statuen etwa des Polyklet. Auch Platons Ausführungen zum Eros verteidigen die Knabenliebe. Bis zum Jahr 1850 verfolgt die Schau das Vermächtnis Winckelmann'scher Ästhetik und kann dann in einem vorzüglichen Katalog zu Hause nachbereitet werden.

»Winckelmann - Das göttliche Geschlecht«, bis zum 9. Oktober im Schwulen Museum, Lützowstr. 73,

Tiergarten

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