Schlag gegen den Kemalismus

Roland Etzel zur Auswechslung der türkischen Militärspitzen

Der türkische Präsident Erdogan scheint sich der unbedingten Gefolgschaft seiner Militärs für seinen Kurs nicht sicher zu sein. Die Absetzung der Chefs der drei Teilstreitkräfte, nachdem in den vergangenen zwölf Monaten seit dem Putschversuch bereits 150 von 360 Generälen ihren Rang verloren hatten, zeigt die strategische Richtung seiner »Säuberungen« in den oberen Ebenen der Hierarchie: Es geht um den Umbau des streng laizistisch verankerten Staates Kemal Atatürks hin zu einer islamisch geprägten Republik.

Diesen schleichenden Sturz der politischen Ordnung, und das wäre es, denn der Kemalismus hat am Bosporus mindestens soviel wie Verfassungsrang - noch -, haben vor Erdogan bereits andere politische Führer in der Türkei gewagt; ob Ministerpräsident Menderes in den 50er oder Amtsnachfolger Erbakan in der 90er Jahren. Beide Versuche scheiterten im eisernen Würgegriff der Generalität, der die Loyalität gegenüber dem Kemalismus stets uneingeschränkten Vorrang hatte vor dem Treueeid gegenüber der gerade aktuellen Staatsführung.

Eingedenk dessen glaubt Erdogan offenbar erfolgversprechender zu agieren, indem er zuerst den Streitkräften die vermeintlich laizistischen Köpfe abschlägt und dann die Verfasstheit der Republik nach seinem Gusto verändert. Bis jetzt geht seine Rechnung auf.

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