Werbung

Heiligtum Auto

Das Auto macht aus jedem einen Panzerfahrer im Krieg aller gegen alle, findet Leo Fischer

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Es ist selten geworden, dass in Leserkommentaren mal nicht die Stimme der Empörung, sondern die von Mäßigung und Zurückhaltung zu hören ist. Im Falle der Bildung einer kriminellen Vereinigung durch die deutsche Autoindustrie lassen die Rezipienten von »Spiegel online« geradezu mustergültig staatsbürgerliche Milde walten: »Lasst doch den Diesel noch weiterverwenden«, heißt es da, »und überlegt mit der Autoindustrie einen sinnvollen längerfristigen Übergang.« Andere erinnern Journalisten daran, dass letztlich auch ihr Arbeitsplatz um drei Ecken an der Autoindustrie hängt, ziehen Vergleiche mit viel schlimmeren Abgassündern in Amerika und China oder vermuten finstere Machenschaften aus dieser Richtung.

Nicht nur die kriminelle Komponente, auch die ökologisch-medizinische wird mit Glacéhandschuhen angefasst: Wo sonst jedes zusätzliche Gen im Salat alle Alarme angehen lässt, wo vor Handystrahlen gewarnt und Gluten noch im Trinkwasser gefunden wird, will man bei den paar tausend Abgastoten und den vielen Ungezählten, deren Leben durch chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen noch zu Lebzeiten beendet wurde, großherzig beide Augen zudrücken. Und es genügt ja ein Blick in das sanfte Patriarchengesicht von Dieter Zetsche, diesem Peter Lustig in neoliberal, um sich zu vergewissern, dass alles Menschenmögliche getan wird, weitere Tote zu verhindern, ganz bestimmt sogar, doch doch.

Die Kanzlerin weiß schon, warum sie dem Dieselgipfel fernblieb. Für Dinge, die eh schon ausgemacht sind, sollte man tunlichst keine Zeit verschwenden. Und wenn sich Industrie und Wahlvolk so einig sind, warum dann groß ein Fass aufmachen? Natürlich, letztlich hat die immerwährende Personalrochade von CDU-Leuten und Autolobbyisten (in beide Richtungen) Dimensionen, die vielleicht nur mit Lateinamerika vergleichbar sind. Dennoch will sich auch eine CDU-Kanzlerin ungern von Autobauern vorführen lassen - aber was, wenn auch die Bevölkerung gar nicht mal so aufgeregt ist?

Die Verfolgung der »G20-Verbrecher« (»Bild«), deren Automorde ja das »Waterloo der politischen Linken« (Ulf Poschardt) darstellen, nimmt im Herzen der Bürger einen weitaus größeren Raum ein als die Tatsache, dass sie von der Autobranche nicht zuletzt als Verbraucher nach Strich und Faden verarscht wurden. Da können Nazis tausende Menschen und Häuser anzünden: In Hamburg brannten Autos, das ist der Ernstfall! Natürlich kann man das so nicht sagen, man will sich ja nicht lächerlich machen; deswegen wurde im Fall von G20 auch davon gesprochen, die »Chaoten« hätten »ganze Viertel in Schutt und Asche gelegt«.

An dieser Lüge ist so viel wahr, dass das Auto in Deutschland tatsächlich das ersetzt, was in echten bürgerlichen Gesellschaften mit dem Heim gemeint ist: ein Raum, auf den niemand zugreifen darf, nicht einmal der Staat. Umweltplaketten und Benzinpreis werden gehandelt wie Einschnitte in die Menschenwürde. Wer Autos angreift, greift den intimsten Bereich der Deutschen an.

Auf dem Dorf ersetzt die Führerschein- schlicht die Mannbarkeitsprüfung; wer kein Auto hat, ist kein Bürger, wahrscheinlich schwul oder sonst ein Sonderling. Noch der traurigste Vertriebler, wie abgeranzt er sonst erscheinen mag, lässt auf sein Auto nichts kommen; das repräsentative Auto, als Dienstwagen oder Ziel zahlloser Überstunden, ist die Begründung des Lebens selbst. Herrendüfte und Deodorants orientieren sich am »new car smell«, der Fahrer eines Autos möchte es am liebsten niemals verlassen. Man fährt mit Autos zur Arbeit, um dort Autos zu bauen, um sich Autos leisten zu können, mit denen man zur Arbeit fährt: ein ewiger Kreislauf, dem auch ein paar Tote nichts anhaben können.

Die Freiheit, auf den Autobahnen einander totzurasen, verteidigt man mit Zähnen und Klauen. Der Autor Thomas Gsella, dessen Schwester und Nichte durch einen Raser zu Tode kamen, hört, seit er die steinzeitliche deutsche Verkehrsgesetzgebung kritisiert, regelmäßig, seine Familie sei ja wohl selbst schuld, wenn sie sich untermotorisiert auf die Straße wage. Das Auto macht aus jedem einen Panzerfahrer im Krieg aller gegen alle, gleichzeitig schwört es auf Gemeinschaft. Man kann sagen: Die Ideologie des Autos, als totale, todesverachtende Einigkeit von Wirtschaft, Politik und Bevölkerung, hat den Faschismus vollinhaltlich beerbt - oder nimmt für ihn zumindest Platzhalterfunktion ein. Wer die deutsche Sozialpathologie heilen möchte, sollte zuerst großflächige Fahrverbote aussprechen. Kein Mensch muss Autofahrer sein.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!