Werbung

The Lionhunter (Liverpool, 1940)

Unbekannte Bekannte

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Git! You git«, brüllte er, kaum dass ich an Deck der »Dunera« gelangt war, »you git!« Er stampfte seinen Gewehrkolben knapp neben meinem Fuß auf. Ich sprang in Sicherheit und verschwand die Leiter herunter in den Bauch des Schiffes. Für den Rest der Reise nahm ich mich vor ihm in Acht - wie wir alle, die wir in England interniert worden waren und nun auf dem Truppentransporter nach Australien.

Längst hatte man dem Feldwebel der Wachmannschaft den Namen The Lionhunter angehängt: Er war bullig von Gestalt, stiernackig, gab seinen Soldaten stets den Ton vor und scheuchte uns, wo er nur konnte. Ihm, vor allem ihm, war anzulasten, dass die Soldaten unser an Deck aufgestapeltes Gepäck geplündert und alles über Bord geworfen hatten, was sie nicht gebrauchen konnten. Wie gesagt, wir mieden den Lionhunter. Ich, bei Gott, mied ihn stets.

Es half nicht. Eines Morgens kriegte er mich wieder zu fassen. »You git!« brüllte er, als ich unterwegs zur Kombüse war, wo Willi Mertens mir seinen Posten abgetreten hatte, damit ich an seiner Stelle Kartoffeln schälen durfte - was damals, schon wegen des Bisschen Freiheit und der frischen Luft, ein großes Privileg war! Ich stand stockstill und meldete dem Lionhunter: »Kitchen duty«. »Sir!« brüllte er. »Sir«, sagte ich, und machte mich davon.

Ein letztes Mal kamen wir uns in Kapstadt in die Quere, wo die »Dunera« vor Anker lag und ich aus dem Bullauge der Latrine auf den fernen Tafelberg blickte und aufs schäumende Meer unter afrikanischer Sonne. Daran sah ich mich satt, bis ich den Lionhunter brüllen hörte: »You git!« Sofort zog ich den Kopf ein - der schlägt zu, dachte ich, das Schwein schlägt zu. Ich sollte recht behalten: Als die »Dunera«, in Sydney angekommen, vertäut im Hafen lag, schlug der Lionhunter tatsächlich zu: Ich sah es nicht selbst, doch die Kunde davon verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Der Lionhunter hatte seinen Gewehrkolben auf den Fuß eines Jungen gesetzt, der Salomon Meier hieß, hatte ihm die Zehen gebrochen, und Salomon war in die Notstation von Darling Harbour gebracht worden.

Wir sahen ihn erst in Hay wieder, dem Lager in der Wüste, sein rechter Fuß in Gips und er auf Krücken. Wir umsorgten ihn, und er genoss das. »Klar«, sagte Salomon, »das war schlimm, sehr schlimm!« Und fügte stolz hinzu: »Ich habe Meldung gemacht, Meldung nach oben«. Auch habe er herausgefunden, wie der Lionhunter wirklich heißt, nämlich Fagan, Rex Fagan, und versichert habe man ihm, es würde eine Untersuchung vorm Militärgericht geben, ein Court Martial. »So wird’s kommen - glaubt mir, so kommt es«, rief Salomon. Es sollte ein Ruf in der Wüste bleiben, denn von einem Court Martial hörten wir nie etwas. Es wird auch keins gegeben haben.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!