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Digitalisierung von unten

Damit das Internet Allgemeingut bleiben kann, lernt die Nachbarschaftsakademie, wie Netzwerke gemacht werden

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 4 Min.

»Bin ich da schon drin oder was?« - als Ende der 90er Jahre Boris Becker in der Werbung erst zum Lachen anregte und letztlich allgegenwärtig nur noch nervte, folgten nicht wenige seinem Ruf und wählten sich erstmals ins Internet ein. Tatsächlich schaffte es ein amerikanisches Unternehmen, hierzulande seinen Namen als Synonym für das Internet zu etablieren. AOL ist mittlerweile fast vergessen, andere Firmen der New Economy sind jedoch in dessen Fußstapfen getreten. Google, Facebook, Ebay, Amazon - eine Handvoll milliardenschwerer Konzerne gibt vor, wie die meisten Nutzer das Internet verstehen und nutzen. Das gleiche gilt für Computer, deren Soft- als auch Hardwarekomponenten von wenigen Unternehmen quasi monopolistisch produziert werden.

Die Digitalisierung der Gesellschaft betrifft alle Lebensbereiche, ob privat oder öffentlich, ökonomisch sowieso. Dass die Politik hinterherhängt, zeigte Bundeskanzlerin Angela Merkel, als sie noch vor wenigen Jahren vom Internet als »Neuland« sprach. Nun steht die Digitalisierung auch in der Hauptstadt ganz oben auf der Agenda, mit der »Smart City« will der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) »Lösungsansätze für die sich verändernde Stadt« finden, wie er im Interview in dieser Serie sagte.

Dass die Digitalisierung demzufolge von wenigen Akteuren mit Profitinteressen gestaltet wird, damit wollen sich nicht alle zufriedengeben. Zum Beispiel Marco Clausen und Andreas Unteidig nicht, die für die Nachbarschaftsakademie einen alternativen Weg der Digitalisierung gehen. »Weil das Internet, wie die meisten es nutzen, fast nur aus Facebook und Google besteht, werden deren Logiken internalisiert, ohne sie zu hinterfragen«, kritisieren die beiden.

Die Gegenbewegung zur Digitalisierung ist wachsend und lebhaft, sie wird von zivilgesellschaftlichen Organisation getragen, aber auch von einzelnen Aktivisten. Nicht alle kritisieren die Digitalisierung an sich. Viele stören sich an der Art, wie und von wem sie vorangetrieben wird. Dass Netze nur von großen Unternehmen betrieben werden oder dass die Digitalisierung mit Überwachung und dem dem Sammeln von Daten einhergeht.

Im Sonnenschein im Prinzessinnengarten sitzend, erzählen Clausen und Unteidig, dass sie Google und Facebook nicht abschaffen wollen. Stattdessen soll es auch »alternative Angebote geben, die so gestaltet werden, wie wir es wollen«, und nicht nach den Profitmaximierungsinteressen einiger weniger milliardenschwerer Unternehmen. Für die Nachbarschaftsakademie im Prinzessinnengarten am Moritzplatz in Kreuzberg wollen die beiden ein DIY-Netzwerk erstellen. DIY steht für Do it Yourself - mach es selbst. Wer will, kann das Internet als Kommunikationstechnologie verstehen. Verschiedene Menschen (und Computer) können miteinander in Kontakt treten. Dafür gibt es Programme, die miteinander kommunizieren. Das Ziel des DIY-Netzwerks ist es, diese Kommunikation lokal und abseits der großen Angebote von Unternehmen anzubieten.

Unteidig ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Design Research Lab an der Berliner Universität der Künste, wo er zu Auswirkungen der Digitalisierung auf soziopolitische Prozesse forscht. Er arbeitet an einem europaweitem Projekt, das zusammen mit lokalen Gruppen DIY-Netzwerke entwickelt. Das Ergebnis: MAZI, griechisch für »Zusammen«, ein Open Source Toolkit, eine Art frei verwendbarer Werkzeugkasten, mit dem sich jeder selbst ein kleines Netzwerk bauen kann.

Warum sollte man das tun? Clausen, der vor zwei Jahren die Nachbarschaftsakademie als offene Plattform des Austausches und des selbstorganisierten Lernens mitbegründete, vergleicht das mit einem Gemeinschaftsgarten. Auch Supermärkte stellen gute und günstige Lebensmittel zur Verfügung, so Unteidig. »Der Prinzessinnengarten aber zeigt, dass es auch anders gehen kann. Dort kann Landwirtschaft gelernt werden, dabei entsteht ein Bewusstsein, wie sie funktioniert. Das ist etwas anderes, als das Label ›BIO‹ einzukaufen.«

Genauso sieht es Clausen mit der Digitalisierungsagenda der »Smart City«, bei der es darum geht, effizienter zu werden. Er findet es spannender, die Nachbarschaftsakademie nicht auf Effizienz zu trimmen, sondern sie als Ort mit zwei Ebenen zu verstehen. Auf der praktischen Ebene geht es darum, gemeinsam zu gestalten und dabei voneinander zu lernen. Hardware ist mittlerweile billig geworden, den Raspberry Pi Computer, mit dem MAZI betrieben werden soll, gibt es für 35 Euro zum Selberbauen. Gleichzeitig müssen sich alle Beteiligten darüber einigen, was das Netzwerk können oder wie es gewartet werden soll. Es geht um Fragen nach Zugang und demokratischer Mitbestimmung, aber auch darum, wie Wissen weitergegeben wird. Letztlich geht es um digitale Allgemeingüter: Wenn das Internet offen für alle bleiben soll, darf dessen Architektur nicht den großen Unternehmen überlassen werden.

Zum anderen möchte das Projekt einen Beitrag zum Diskurs leisten. Unteidig fragt: »Was bedeutet es, wenn Technologie alles prägt, und sie gleichzeitig zentralisiert und privatisiert wird?« Heraus komme eine Digitalisierung, die von oben herab bestimmt werde. Für die beiden öffnet sich hier eine Verbindung zu den Kämpfen um die Stadt. »Recht auf Internet - Recht auf Stadt - bei beidem gibt es ähnliche strukturelle Tendenzen: Einige Wenige bestimmen, wie die Zukunft aussieht.« Deshalb sei es wichtig, für Vielfalt zu sorgen, für das Recht zu kämpfen, selber zu machen und zu gestalten. Die Nachbarschaftsakademie ist ein Ort, den allgemeinwohlorientierte Gruppe nutzen können. Dort vernetzen sich viele stadtpolitischen Gruppen, um voneinander zu lernen - bald auch, um sich die Technologie anzueignen, ein eigenes Netzwerk einzurichten. Und dabei die Digitalisierung mitzugestalten.

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