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»Oder, mein Fluss«

Im Schul- und Bethaus von Altlangsow sind Werke von Christiane Wartenberg und Hagen Klennert zu entdecken

Eine Doppelpräsentation ist in Altlangsow zu sehen. Die Arbeiten von Christiane Wartenberg und Hagen Klennert hängen zwar räumlich getrennt, gleichwohl verbindet sie etwas im Gegenständlichen: nämlich die Anschauung jenes Flusses, der unweit dieses Dorfes zur Ostsee fließt, die Oder. Sie trennt gleichfalls und verbindet, seit 1990 endlich auch amtlich: Polen mit und von Deutschland.

Altlangsow liegt nahe Seelow, mit Zug oder Auto keine zwei Stunden von Berlin entfernt. Es ist der Ort, in dem der hoch geachtete Bildhauer, Maler und Zeichner Werner Stötzer (1931 - 2010) lebte und arbeitete, zugleich die Gegend, in der Günter Eich, als Dichter und Hörspielautor nicht minder geachtet, aufwuchs. Geboren wurde Eich 1907 in Lebus nahe Frankfurt (Oder). Er starb 1972 in Salzburg. Unter den vielen Künstlern, die im Oderbruch siedelten und heute noch siedeln, war Stötzer der bekannteste. Seine figürlichen Plastiken rufen einander aus vielen Städten die ulkigsten Wendungen zu, von Berlin über Schwerin nach Würzburg und zurück. »Da stehe ich«, äußerte er gelegentlich - und lachte dabei.

Stötzer hat den Kunstverein des Schul- und Bethauses Altlangsow unterstützt - materiell und moralisch - in Zeiten, als Lumpenpack Hand anlegte an Kunst aus der DDR und sie mit Dreck bewarf. Den Dichter Eich indes, wie jetzt zu sehen ist, hält Christiane Wartenberg, ebenfalls ein Urgestein dieser Gegend, fest wie der Bernstein die Fliege. So etwas bleibt.

Klennert stellt in Altlangsow erstmals aus. Der Berliner ist sowohl der Moderne verpflichtet wie einfachen, figürlichen Gestaltungsweisen. Größere Formen auf Leinwand, unterschiedlich in Struktur und Technik, sind anzuschauen, auch Arbeiten auf Papier und kleinformatige Zeichnungen. Die Metapher Oder ist bei ihm nicht so offenkundig wie bei Christiane Wartenberg. Sie scheint eher versteckt zwischen den Linien und Kreisen, den Kontrasten und Farben.

Fühlbar wird sie in »Ast« (Kreide und Kohle auf Leinwand, 2011). Die leicht wellenförmige, schwarzschraffierte Struktur ähnelt entfernt einer Flusslandschaft. Imposant »Helikon« (Kreide, Bleistift und Wasserfarbe auf Leinwand, 2007). Auch dieses Bild erlaubt es, geheime Sphären des Fließens frei zu assoziieren. Netzartige Bildungen wölben sich über eine abstrakte, grauschwarze Landschaft. Ins Auge fällt sodann die Bleistiftzeichnung »Wolfsbein«, kurioser Torso aus dem Zyklus »Faust und Kralle« von 2016. Das Wolfsbein fällt mit dem Körper einer Gestalt zusammen, die selber nur ein Bein hat. Schade, dass nicht der ganze Zyklus hängt.

Das Schul- und Bethaus, ein Schinkelbau, empfing über die Jahre eine Garde erster Leute: Stötzer selbst und Freunde von ihm wie Hans Vent oder Dieter Goltzsche stellten dort aus. Im Kleinen, Abgelegenen zeigt sich häufig das Große. Hans Brosch, Sylvia Hagen, Ralf Hentrich und Wolfgang Weber zeigten dort ältere und neue Arbeiten, Sonja Eschfeld, Bertold Bartsch, Petra Schramm, Ingeborg Hunzinger, Wolfgang Utzt (Theatermasken) und viele mehr. Ostkunstgilde, der die Zukunft gehört. Die Ränder sind häufig lebendiger, dem guten Alten mehr verpflichtet, auch ehrlicher, wahrhaftiger als die Zentren, die allzu oft der jeweiligen Mode, der bloßen Innovation huldigen.

Keineswegs erstaunlich also, wenn in Altlangsow Bedeutendes anzuschauen ist. Christiane Wartenbergs Bildfolge, genannt »Stunden in Wasser verwandelt«, sei hier näher betrachtet. Zehn Tafeln auf Gedichte von Günter Eich schuf sie, eine so wundersam wie die nächste. Die lassen sich wie Buchseiten lesen. Der Blick führt nach rechts, dann umblättern zum nächsten Bild und so fort. Endet der Text, endet das letzte Bild. Das Kabinett, in dem sie hängen, ist klein und erlaubt keinen Rundumblick. Das ist bedauerlich. Besser wäre, die Tafeln gut ausgeleuchtet kreisförmig zu hängen.

Eich schrieb 1951, als der politische Dichter in ihm erwachte und sein Hörspiel »Träume« größte Irritationen bei den Hörern auslöste, zwei Fassungen des Gedichts »Oder, mein Fluss«. Beide trug der Schauspieler Hans-Christian Steyer zur Eröffnung der Ausstellung vor - leise, mit Bedacht. Eich, eng verwachsen mit der Landschaft seiner Kindheit, nahm diese reich schattiert ins Gedicht. Er liebte es, Bilder von Vogelzügen und Taubenaugen eigensinnig in Verse zu setzen und dem Schrei der Kraniche auf Molen derart Gestalt zu geben, als wäre es der eigene. Umso verständlicher, dass der Dichter auf schaukelnde Boote und morsche Hölzer den kalten Mond draufscheinen lässt. In Natur sah er den »Beginn der Einsamkeit«. In einem See-Gedicht spricht er vom »Schilf der Verzweiflung«. »Oder, mein Fluss« formuliert ähnlich retardierende Stimmungen. Melancholie ist den zwei Texten eingeschrieben.

In »Stunden in Wasser verwandelt« erscheinen die integrierten Wortstrukturen bewusst ungelenk. Die Schicht unter diesen spiegelt gleichsam den Lauf der Oder. Leicht gewellte Linien, dickere, dünnere, und Pfähle in Schwarz stehen hierfür. Darüber die Schichten der Dichtung. Nichts, das starr in Reih und Glied fortschritte. Schönschrift ist unangebracht. Über die raffiniert eingearbeiteten Verse erhalten die Tafeln ihre eigene, unverwechselbare Poesie. Die Künstlerin verquickte hier Techniken der Kaltnadelradierung, des Digitaldrucks und jene der Spargelfolie. Alle zehn Bilder seien faktisch Fotos, erklärt Wartenberg.

Wichtig ist die Patina der Tiefe. Die klingt, als würfen die Verse Schatten und sängen ihr Lied im Wasser. Die Syntax scheint zu baden und zu tanzen auf Seilen wie der Harlekin. Alle zehn Bilder sind dreigeteilt: unten besagter Flusslauf in wechselnden Strichvarianten, darüber die erste Textfassung, oben die kürzere zweite Fassung. Sehr reizvoll, diesem polyphonen Mit- und Gegeneinander zuzuschauen, obwohl sich in Wirklichkeit nichts bewegt.

Bis zum 29. Oktober samstags und sonntags von 13 bis 16 Uhr im Schul- und Bethaus, Altlangsow 11, Seelow

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