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Freiheit heißt immer Befreiung von irgendetwas

Andrei Kontschalowski über seinen Film »Paradies«, die russische Kultur des 20. Jahrhunderts und den Kampf um die Kunstfreiheit

  • Von Katharina Dockhorn
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mit »Paradies« feierte Andrei Kontschalowski ein Comeback auf der Weltbühne des Films. Der Regisseur von »Der erste Lehrer« nach Aitmatow, »Asjas Glück« erzählt von der Exilrussin Olga. Sie wird verhaftet, weil sie zwei jüdische Kinder versteckte. Auf ihrem Leidensweg durch Gefängnis und KZ trifft sie auf einen französischen Kollaborateur und einen deutschen Offizier, der ihr früher amouröse Avancen machte.

Der Film war für den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film nominiert und wurde in Venedig mit dem Preis für die Beste Regie.ausgezeichnet Haben Sie damit gerechnet?
Die Resonanz hat mich angenehm überrascht. Kunst wird offenbar unabhängig von der politischen Großwetterlage erkannt und geschätzt. Gerade jetzt, wo Russland im Westen als Personifikation des Bösen gesehen wird, ist der Austausch für das gegenseitige Verstehen wichtig. Der Film erklärt das Land und seine Bewohner ein kleines bisschen.

Obwohl es ein Film über den Holocaust ist?
Sie können »Paradies« als Film über den Holocaust betrachten, für mich ist er das nicht. Die systematische Verfolgung von Menschen jüdischen Glaubens ist der Referenzrahmen. Darüber hinaus habe ich »Paradies« jede Eindeutigkeit genommen, um mich dem zentralen Thema zu nähern, der Herkunft des Bösen. Der SS-Offizier ist ein gebildeter, kultivierter Mann. Was ging in seiner Entwicklung schief? Diese Frage bewegt mich. Der Nationalsozialismus war eine Tragödie der deutschen Kultur, von der die Welt so viel gelernt hat.

Was auch auf die russische Kultur im 20. Jahrhundert zutrifft?
Natürlich, die Straße zur Hölle ist sehr schmal. Es ist gibt ja keinen Knall und plötzlich landet man in einer menschenverachtenden Diktatur. Man geht den Weg sehr langsam. Auch heute zerstören wir die menschliche Zivilisation, in dem wir die Menschenrechte über unsere Pflichten stellen. Ich glaube nicht an den Vorrang der Menschenrechte vor den Pflichten als Staatsbürger, wie sie die Amerikaner propagieren. Jede Nation wird durch tiefverwurzelte Traditionen vereint, aus der sich Pflichten ableiten. Wer sie erfüllt, braucht keine allgemeinen Menschenrechte.

Sie stellen Traditionen gegen Veränderungen in der Gesellschaft?
Die großen Künstler waren sich immer ihrer Traditionen bewusst, um sie in Frage zu stellen. Wenn Kunst total mit der Tradition bricht, führt sie ins Abseits und Nirgendwo. Sie erreicht die Menschen und ihre Gefühle nicht mehr. Das ist den Deutschen nach 1945 passiert. Ein Teil ihrer Kultur wurde vernichtet. Hegel, Nitzsche, Schopenhauer und Marx haben die europäische Kultur nachhaltig beeinflusst, man muss ihre Theorien kritisch bewerten, aber nicht verdammen oder tot schweigen.

Wie verträgt sich Ihre Auffassung von der Pflichterfüllung mit den Forderungen nach der Freiheit von Kunst, die sie selbst lange erhoben haben?
Freiheit heißt immer Befreiung von irgendetwas. Kaum einer geht jedoch bei Rot über die Ampel, wir halten uns beim Autofahren an einen Pflichtenkatalog. Unsere Freiheit wird durch diese Regeln eingeschränkt. Sonst landen wir im Chaos. Die Bedeutung von Pflichten und Regeln zu leugnen, halte ich für gefährlich. Ihre Beachtung macht die Menschen erst zum Menschen. Wir haben alle unsere Defizite, ohne das Gute im Menschen kann der Teufel nicht existieren. Andererseits brauchen wir das Schlechte, um uns zum Guten anzuspornen.

Heißt das im Umkehrschluss auch, die Freiheit von Rede und Kunst zu begrenzen?
Die größten Kunstwerke entstanden im Spiel mit der Zensur, wenn Künstler um ihre Freiheit kämpfen Ich sehe heute zu wenige Kunstwerke, die sich an der Gesellschaft reiben. Aber vielleicht brauchen wir die Kunst im digitalen Zeitalter gar nicht mehr. Wer liest die Bücher, sieht die Filme? In Russland wurde immer viel gelesen, die Bücher wurden von Hand zu Hand heimlich weiter gereicht. Heute lernen nicht mehr selbst. Wir verlassen uns darauf, dass uns irgendjemand Informationen zur Verfügung stellt. Wir werden abhängig von Chips und Robotern, während sich unsere geistigen Fähigkeiten zurückbilden. Diese Entwicklung gefährdet Freiheit und Demokratie. Wir sind freier als in der kommunistischen Ära, nutzen diese Freiheit aber nicht. Im Westen haben viele Menschen Angst, Dinge auszusprechen, die politisch nicht korrekt sind. Warum? Menschen dürfen Fehler machen. Ich lebe in einem Land, wo wir alles aussprechen können. Die Russen sind nicht politisch korrekt.

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