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Das neue Vorbild leuchtet orange

Stimmung und EM-Titel bestärken die niederländischen Fußballerinnen und ihre Trainerin auf ihrem Weg

  • Von Frank Hellmann, Enschede
  • Lesedauer: 4 Min.

Es wäre ein bisschen zu viel verlangt, wenn die Stadtoberen von Enschede schon am Tag danach auf die veränderten Kräfteverhältnisse reagiert hätten. An der Fassade des Stadskantoor, gleich am Eingang zur Fußgängerzone, strahlte am Montag noch das Ankündigungsplakat auf das Finalwochenende dieser Europameisterschaft. Mit einem trügerischen Antlitz: ganz oben Dzsenifer Marozsan, die deutsche Nationalmannschaftskapitänin, neben ihr Wendie Renard, die Spielführerin vom französischen Nationalteam. Anordnung und Abbildung haben mit der neuen Wirklichkeit bei den Fußballerinnen nichts mehr zu.

Ganz oben sind andere: Die Europameisterinnen 2017 tragen Oranje, tanzen nach Partyliedern von John de Bever und heißen Lieke Martens, Vivianne Miedema oder Shanice van de Sanden. Die »Oranje Leeuwinnen«, die Löwinnen in Orange, legten am Sonntagabend mit dem 4:2 gegen Dänemark ein so famoses Finale hin, dass Sarina Wiegman danach Tränen der Rührung vergoss. »Ein großartiges Spiel für den Frauenfußball«, sagte die Nationaltrainerin. Ein finaler Seitenhieb an die letzten Kritiker im eigenen Land? Arnold Mühren, Europameister von 1988 und Vorlagengeber für das legendäre Tor von Marco van Basten in München, hatte vorher geunkt, dass die weibliche Elftal gegen ein Amateurteam der Männer verlieren würde (»vielleicht nicht 0:20, aber deutlich«). Wer bitte braucht solch törichte Vergleiche?

Bert van Oostveen, Turnierdirektor der EM und Generalsekretär des Königlichen Niederländischen Fußballbunds, hat längst ausführlich dargelegt, warum man sich seit einer Dekade um Fortschritte bei den Fußballerinnen kümmert: »Wenn man sich ausschließlich auf die Männer konzentriert, vernachlässigt man 50 Prozent der Bevölkerung.« Nun waren auf einmal in der deutsch-niederländischen Grenzregion Kids zu beobachten, die sich auf den Rückseiten ihrer Trikots die Namen von Robben und Sneijder mit Streifen von Martens und Miedema überklebten.

Und auch der Ehrungsakt im Park Lepelenburg am Montag in Utrecht dürfte nicht die letzte massenhafte Verbeugung gewesen sein, die die Fußballnation Holland vor den neuen Heldinnen vorgenommen hat. Mehr als 28 000 Zuschauer im Stadion De Grolsch Veste des FC Twente und vier Millionen am Fernseher gaben Dimensionen, von denen der Ausrichter vorher nicht zu träumen wagte. Wiegman glaubt zwar nicht, dass ihre Spielerinnen jetzt zu Berühmtheiten werden, aber Vorbilder dürfen sie ruhig sein. »Ich hoffe, die Mädels sehen, dass es ein Traum ist, hier zu spielen, und fangen mit dem Fußball an«, hofft Jackie Groenen vom 1. FFC Frankfurt, die mit 22 Jahren als beste Spielerin aus der Bundesliga aus dem Turnier hervorgegangen ist.

153 000 Frauen und Mädchen kicken im Nachbarland, ihr Durchschnittsalter liegt bei 13 Jahren. Der Nationaltrainerin reicht das noch nicht. »Wir müssen dafür sorgen, dass mehr Mädchen bei den Jungs mitspielen. Das ist Benefit für beide Seiten«, verdeutlichte sie in einem langen Plädoyer, um den Rückenwind des Titelgewinns zu nutzen. Von der 47-Jährigen geht eine weitreichende Vorbildwirkung aus. Der Deutsche Fußball-Bund, mit Präsident Reinhard Grindel beim finalen EM-Akt vor Ort, wäre beispielsweise gut beraten, sich den Werdegang der siegreichen Trainerin im Vergleich zu Steffi Jones anzuschauen.

Wiegman ist eine ebenso verdiente Nationalspielerin (104 Einsätze), die sich allerdings über den Jugendbereich bei Sparta Rotterdam und als Assistentin beim Nationalteam die Beförderung im Januar dieses Jahres erst verdienen musste. »Wir sind oft zu bescheiden«, sagte die Überzeugungstäterin in der Stunde ihres größten Erfolgs. Gebt mehr Frauen bei den Nationalteams das Zepter in die Hand, sollte das heißen. Vorausgesetzt, die fachliche Eignung stimmt. Daher forderte sie: »Wir müssen noch mehr gute Trainerinnen ausbilden.« Als Nationaltrainerin setzte sie - anders als die Bundestrainerin - auf ein festes Gerüst an Personal und Ausrichtung. Das landestypische 4-3-3-System diente als Arbeitsgrundlage. Denn: »Damit wachsen wir auf.« Gleichwohl hatte ihre Formation auf dem Platz genügend Freiheiten. Hätte sie die zur besten Turnierspielerin gekürte und bald für den FC Barcelona spielende Lieke Martens beispielsweise am linken Flügel eingesperrt, wären deren Stärken nicht zum Tragen gekommen. Auf der rechten Flanke tat Shanice van de Sanden hingegen das, was die wohl schnellste Fußballerin der Welt am besten kam: unentwegt die Linie entlang sprinten.

Wiegman vergeudete auch kaum Kraft mit realitätsfernen Zielen. Vom Titel redete sie nie. Einziges Prinzip: »Wir wollten einfach nach jedem Spiel in den Spiegel schauen und sagen können, dass wir unser Bestes gegeben haben.« Mit dem sechsten Sieg im sechsten Spiel gelang der Offensivpower in Orange ganz zum Schluss das vielleicht wichtigste Signal für die Fußballerinnen bei dieser EM: Dass nach einer Vorrunde mit spielerischer Stagnation noch genügend Raum für beste Unterhaltung war.

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