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Anwalt der Weichteile

An diesem Dienstag wird der wunderbare Schauspieler Dustin Hoffman 80 Jahre alt

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Der Körper ist keine Einheit. Es finden Niederlagen in der Seele statt, von denen das Gesicht aber nur Siege verkünden möchte. So gespalten ist der Mensch. Maschine, Möchtegern, Mutprobant, Maske, Mitleidsbündel. Wo der Mensch sich hörig oder verzweifelt zusammenkrallt, aus Disziplin oder aus Drang zu Geltung und Geld, dort grinst irgendwo ein Tod. Tod des Gemüts oder der Nerven oder jener der Hoffnung. Es gibt viele kleine Tode, die in einem Körper Platz haben - und sich heimtückisch Leben nennen. Diesen vielen kleinen Toden kann man aber entgehen. Denn es gibt ja noch den einen, den großen Tod.

»Tod eines Handlungsreisenden«: US-amerikanische Träume und der US-amerikanische Albtraum. Dustin Hoffman spielte diesen Willy Loman, einen dauerreisenden Vertreter, müde, abgeschlafft, erfolglos, einzig dafür bestimmt, aussortiert zu werden. Alle Ausdruckskraft dieser wunderbar rührenden Weltberühmtheit Hoffman war in diesem Film aufgegangen für das bitterste Talent eines Menschen: nicht wahrgenommen zu werden. Dieser Loman im sterbenstraurigen Leistungsstress ist einer, der einen Ozean sucht, um zu beweisen, dass er noch Schlachtschiff ist, nicht Wrack. Dabei ist er längst untergegangen. In einer Gesellschaft, die ihn nicht als das leben lässt, was er doch immer war: ein freundliches Papierschiffchen. Bei der Verfilmung des Arthur-Miller-Klassikers durfte sich Volker Schlöndorff übrigens als Glückskind wähnen: Dustin Hoffman hatte einzig zugesagt, weil er den Deutschen mit István Szabó, dem »Mephisto«-Regisseur, verwechselt hatte.

In seinen besten Filmen ist der 1937 in Los Angeles Geborene ein Mann der Hingabe sowohl an Don Quijote als auch an Sancho Pansa. Hoffman stritt als »Kramer gegen Kramer«, er war der »Marathon Man« und einer der zwei »Unbestechlichen« im intelligenten Journalisten-Kampf bei Nixons Watergate. »Midnight Cowboy«: Hoffman als keuchend auraloser Pseudo-Krimineller. Und in »Little Big Man« lebt sein Jack Crabb weiß unter Cheyenne-Indianern - er scheiterte als Säufer und Soldat, hatte kein Glück mit jeder Art der Eigeninitiative, und erst zwischen allen Fronten vollendet sich das Glück dieses Prärie-Simplicissimus: Wer fremd bleibt, verliert keine Heimat. »Tootsie«: Überm falschen Busen schlägt er züchtig die Hände zusammen - das vorgetäuschte Weib im Manne zeigt in Stöckelschuhen, wie schmal jeder Lebensgrat ist. »Rain Man«: der Autist, in dessen Kopf das Unhörbare Klang wird. Oder »Ein ganz gewöhnlicher Held«: Der Lebens- und Beziehungsretter teilt das Schicksal alles Guten, Wahren, Schönen - er bleibt als Wohltäter unentdeckt.

Filmisch ist Hoffman verteufelt oft einer gewesen, den man gleichsam sagen hört: »Mir geht›s gut.« Man glaubt es ihm nicht. Aber behandelt wird er trotzdem so, als fehle ihm nichts. Das ist das Los der Tapferen, die ohnmächtig sind, aber in diesem Zustand vielleicht sogar ein wenig glücklich. Denn sie sind enthoben von der Schmach, sich bedeutsam geben zu müssen. Dustin Hoffman ist der Bildner dieser lobeswürdigen Leute. Er ist der Anwalt der Weichteile im Innenleben. Dustin Rühman.

Seine Regisseure (Penn, Schlesinger, Pakula, Peckinpah) sagen fast übereinstimmend, er würde bei der Arbeit entnervend zirkeln und berechnen, sich vor der Kamera in einen sturen Perfektionseifer steigern. Es ist der Besessenheitsaufwand für diese typische Aura seiner Figuren. Als fürchte einer ständig, seine Angst könne unerwartet zum Übermut geraten; als frage einer nach Liebe, wisse jedoch: Wer nach Liebe fragt, fragt nach dem, was Leben gefährlich macht; als verstehe einer vom Dasein nichts, aber durchleide fortwährend alles. Und immer ist Hoffman traurig auf eine Art, die komischer nicht sein kann - er wurde einer der lachreizendsten Spieler des Kinos. Zugleich freilich einer der großen Tragöden. Ein Dualist des sanguinischen oder sarkastischen Spiels. Und gern kommt alles Witzige erst nach dem Betrübenden - dies lässt der Heiterkeit einen doppelten Boden; das Leichte verliert so nie den Verdacht, nur eine Täuschung zu sein. Wenn Hoffman in seinen Filmen einen Kräftigen gibt, dann wirkt er doch wie jemand, dem das Abenteuer wie eine Anmaßung vorkommt und jeder Anflug von Selbstbewusstsein wie eine Versündigung.

Unter solchem Blickwinkel war der frühe Durchbruch 1967 die bezaubernde Prophetie der gesamten Laufbahn: »Die Reifeprüfung« von Mike Nichols. Ann Bancroft als Lehrerin, die zum Sinnbild für so verbotenen wie phantasiesüßen Sex wurde, und Hoffman als scheues Bürgersöhnchen, dessen Frage zum geflügelten Zeitwort wurde: »Mrs. Robinson, Sie versuchen doch jetzt, mich zu verführen ... nicht wahr?« Da war sie ihm schlagartig eingeschrieben, die Wirkung großer Augen, die regelmäßig vor dem erschrecken, was geschieht - obwohl man doch alles tut, um nichts zu tun, nichts auszulösen, in nichts aktiv zu werden.

Heute wird der große Dustin Hoffman, Sohn eines Möbeldesigners russisch-jüdischer Abstammung, achtzig Jahre alt. Im Grunde lässt sich feststellen, was der alte Gloster in Shakespeares »König Lear« bilanziert: »Wir haben das Beste unsrer Zeit gesehn.« Ob De Niro oder Redford oder Hoffman: Eine Ära anderer Verkörperungen ist längst angebrochen. Wer die Erwähnten noch besetzt, sucht (hart gesagt!) Wirkungen von Faltenwurf und Nostalgie. Regie ist dann ein wenig, auch bei Hoffman: Fluchtbewegung.

Während des Irak-Krieges sprach sich der Schauspieler gegen Bushs »Staatsterrorismus« aus. Er erinnerte daran, dass schon Washingtons Vietnam-Feldzug mit einer Lüge begonnen habe. Sprach von der Paranoia der Macht. Zitierte dann hoffnungsvoll den Dichter Carl Sandburg: »Im Wachsen nach oben hat die zarte Blume schon manchen Stein zersplittert und zerborsten.« Schriftstellerin Susan Sonntag wunderte sich, dass der Schauspieler diesen Zorn - geäußert auf der Berlinale - in den USA nie wiederholt habe. Hoffman rechtfertigte sein Schweigen daheim: Er wolle nicht jene Familien brüskieren, die im Irak-Krieg Söhne verloren hätten. Vielleicht typisch Hollywood - als einem Zentrum des extrem gut verkäuflichen US-amerikanischen Selbst- und Rechtsbewusstseins. Oder ein Abglanz von Hoffmans Kunst auf den Künstler: ein Schritt vor besiegt die Angst, zwei Schritte bringen sie zurück.

Unvergesslich: die Schluss-Sequenz von »Papillon«. Steve McQueen wirft sich auf ein paar Stoffballen ins wilde Meer, um so die Brandung vor der wahrlich felsenfesten Gefängnisinsel zu überwinden - der andere Häftling aber, gespielt von Dustin Hoffman, klemmt seine Nickelbrille fest, schaut auf die Schweine, die er gleich füttern wird im erbärmlichen Garten, er staunt offenen Mundes über seinen mutigen jahrelangen Gefährten, er bleibt lieber im elenden Gewahrsam zurück und lebt so sein ungerechtes »Lebenslänglich« weiter, ein schwacher Mensch, allzu brüchig für die selbstbesorgte Freiheit. Eine Szene, in der sich das Heldentum des Eigensinns mit der Demut des Feigsinns so trifft, dass beide (beide!) ihren Adel zeigen können. Dass dieser liebenswerte, wunderbare Kerl Dustin Hoffman so klein ist, macht seine Kunst so federnd. Seine Gestaltung gleicht einer gründlichen Feldforschung: Alle Akribie ist gerichtet auf die verwundbaren Stellen im Menschen - das berüchtigte, unvermeidliche, verhängnisvolle Lindenblatt segelt immer aufs Herz.

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