Erinnerungen an den kommunistischen Jugendverband (Melbourne, 1948)

Unbekannte Bekannte

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Er überragte die Reling kaum, ich sah nur seinen Kopf und ein Stück seiner Schultern. Langsam löste sich das Schiff vom Pier, die Passagiere winkten, Armin winkte, ich hob beide Arme und schloss die Hände überm Kopf zusammen - ich hoffte, dass er das begriff: Hand in Hand, Armin, wie gehabt. Mir war elend zumute. Armin verschwand aus meinem Leben - mir war, als würde ich ihn nie wiedersehen.

Zwei von vier Armeejahren waren wir enge Freunde, hatten ein Zelt geteilt, waren in einer Gang des Arbeitsbataillons, hatten auf Güterzügen Armeegut umgeladen, in den Bäuchen von Frachtern Löscharbeiten getan, hatten Urlaubstage gemeinsam verbracht - und nie viel mit einander geredet. Wir hatten uns wortlos begriffen. Ich wusste: Er war in Bochum im kommunistischen Jugendverband, und er war im Untergrund an Aktionen beteiligt gewesen. Wen besser hätte ich über antifaschistischen Widerstand in Deutschland befragen können, als ich meinen ersten Roman plante?

Er aber antwortete nur zögerlich in jener Nacht. Erinnerungen schienen ihn zu plagen, und es dauerte, bis er auf jenen Unfall einging, von dem eine tiefe Narbe in seiner linken Handfläche zeugte.

»Das war kein Betriebsunfall«, sagte er, »das passierte auf der Flucht. Die SA war uns auf den Versen, wir hatten im Fabrikhof Flugblätter verstreut, und ich zerschnitt mir die Hand an den Scherben auf der Mauer, über die ich entkommen wollte - Scherben auf Fabrikmauern waren damals üblich. Dass ich mit meiner zerschnittenen Hand zu Dr. Levi gerannt bin, auf Umwegen, versteht sich, aber doch zu ihm, das verzeih ich mir bis heute nicht. Es war gegen alle Regeln. Zu dem durfte keiner von uns, der war zu meiden, den würden wir brauchen, wenn es um Leben und Tod ging. Bis heute werfe ich mir vor, dass er verschwand, nachdem er den Schnitt zugenäht und die Hand verbunden hatte - er verschwand für immer. War ich beobachtet worden, als ich zu ihm rannte? War er denunziert worden? Hatte die Gestapo ihn in den Klauen? Ich weiß es nicht. Ich weiß es bis heute nicht!«

Nun war Armin Rettlaff auf dem Heimweg nach Deutschland, auf dem Weg zurück nach Bochum, zurück zur Partei - er würde herauskriegen, was damals mit Dr. Levi geschehen war. Da ich nichts mehr von ihm hörte, muss ich annehmen, dass seine schlimmsten Befürchtungen sich bewahrheitet hatten.

Im letzten Teil der Auszüge aus dem Roman tritt Kaufmann auf einen US-Army Sergeant, der ihm Fahren beibringen will.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung