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Integration à la Neuhengstett

Die Gemeinde in Baden-Württemberg wurde einst von Waldensern gegründet

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

Verfolgung, Vertreibung, riskante Flucht in eine ungewisse Zukunft, Neuanfang in einer fernen Region, Kampf gegen Vorbehalte und Vorurteile, Ausgrenzung und mühsame Integration. Dass solche Erfahrungen nicht nur im 21. Jahrhundert Millionen Menschen prägen und plagen, sondern auch das Leben früherer Generationen bestimmten, macht ein Besuch im Neuhengstetter »Waldensermuseum Bourcet« deutlich.

Das betagte Fachwerkhaus an der Waldenserstraße gehört zu den ältesten Gebäuden in Neuhengstett, einem rund 40 Kilometer westlich von Stuttgart am Schwarzwaldrand gelegenen Dorf. Hier hält der 1997 zur Vorbereitung einer großen 300-Jahr-Feier des Orts ins Leben gerufene Heimatgeschichtsverein Bourcet e.V. die Erinnerung an die Tradition der Waldenser wach, die den Ort im Herbst 1700 gründeten. Jeden ersten Sonntag im Monat ist das Haus für Interessierte geöffnet, die hier in einer Multimediaschau in die Geschichte und den Leidensweg früherer Generationen eintauchen können. Vereinsvorsitzender Sebastian Oppelt und andere Ehrenamtliche stehen den Besuchern Rede und Antwort.

Oppelt erinnert sich gut an den Besuch eines Flüchtlings im Museum, der ihm berichtete, wie er unter Lebensgefahr mit einem seeuntüchtigen Schlauchboot über das Mittelmeer von Afrika nach Europa gekommen war. Für die ab 1698 aus Piemont nach Süddeutschland geflüchteten Waldenser dürfte der monatelange Fußmarsch über hohe Alpenpässe, Genf, Schweizer Jura und Schwarzwald seinerzeit kaum weniger gefährlich und beschwerlich gewesen sein. Sie waren Angehörige einer im 12. Jahrhundert und damit längst vor der Reformation und der Bewegung der Hugenotten von dem Lyoner Kaufmann und Namensgeber Petrus Valdes aus Protest gegen Reichtum und üppige Prachtentfaltung der Katholischen Kirche gegründeten Religionsgemeinschaft und beriefen sich nur auf die Bergpredigt.

Damit stießen sie bei Klerus und Obrigkeit als vermeintliche Ketzer auf erbitterten Widerstand. Die Überlebenden von Inquisition und Ausrottung widersetzten sich der verordneten Rekatholisierung und fanden in entlegenen Tälern der Cottischen Alpen im Grenzgebiet zwischen Frankreich und dem Herzogtum Savoyen-Piemont einen Rückzugsraum. Doch die Verfolgung dauerte an, löste einen Guerrillakrieg aus und zwang schließlich zur Flucht nach Norden. Es hatte sich herumgesprochen, dass im damaligen Hessen und Württemberg die Obrigkeit nach dem dramatischen Bevölkerungsschwund durch den Dreißigjährigen Krieg ohne bürokratische Schikanen an zugewanderten Bauern interessiert war, die die vielen brachliegenden Felder bearbeiten konnten. Im September 1700 gründeten die ankommenden Flüchtlinge die nach ihrem Herkunftsort benannte Kolonie »Bourcet«, die erst Jahre später in Anlehnung an das nahe Bauerndorf Hengstett (heute: Althengstett) in Neuhengstett umbenannt wurde.

Noch heute erinnern das Ortsbild mit den für französische Dörfer typischen schnurgeraden Straßen und französische Familiennamen wie Ayasse, Baral, Soulier, Talmon, Talmon-Gros oder Talmon l‘Armee, die auch auf Grabsteinen des historischen Waldenserfriedhofs und auf dem auf einer Anhöhe errichteten Waldenserstein eingraviert sind, an die besondere Lokalhistorie. Auch andere württembergische Orte wie Perouse, Serres und Pinache wurden von Waldensern gegründet. Ihren alpenprovenzalischen Dialekt und ihre religiösen Traditionen behielten die Neuhengstetter bis in das 19. Jahrhundert bei. Erst 1823 wurde die Kirchengemeinde in die lutherische Landeskirche eingegliedert und die deutsche Sprache für Kirche und Schule vorgeschrieben. Betagte Einwohner, die den Herkunftsdialekt noch beherrschten, sind längst verstorben. Doch der Heimatgeschichtsverein mit seiner Trachtengruppe hält die Traditionen und Erinnerungen wach. In den kommenden Jahren soll das Museum um einen Anbau erweitert werden.

Bis in das späte 20. Jahrhundert hielt sich in den Köpfen alteingesessener Einwohner zwischen beiden Orten hartnäckig eine gewisse Rivalität. Alte, etwas verbohrte Althengstetter bezeichneten den Nachbarort abwertend als »das welsche Dorf«. Augenzeugen berichten über Spannungen, die sich zwischen den Fans der örtlichen Fußballvereine bei sonntäglichen Begegnungen auf dem Sportplatz entluden. In den 1970er Jahren wurde Neuhengstett im Zuge der Gemeindereform zu einem Ortsteil von Althengstett. Beide durch die Bundesstraße 295 getrennten Dörfer wachsen heute immer mehr zusammen und seit Generationen sind auch Eheschließungen zwischen Alt- und Neuhengstettern eine Selbstverständlichkeit.

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