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Verhandelt, verunsichert, verarscht

Der Geschäftsführer von Alfred Rexroth droht dem Betriebsratsvorsitzenden

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 4 Min.

»Es scheint, als ob Herr Poblotzki einfach den Kopf in Sand stecken möchte«, sagt Rene B., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Seit 14 Jahren arbeitet er als Konstruktionsmechaniker in der Metallfirma Alfred Rexroth, die Konzerne wie Siemens und Bombardier beliefert. Derzeit sieht er sich vor allem mit persönlichen Vorwürfen seines Chefs Axel Poblotzki konfrontiert. Vielleicht ist es Zufall, dass er als Betriebsratsvorsitzender eine wichtige Rolle in den aktuell laufenden Tarifverhandlungen spielt.

Am Montagmorgen hätte eigentlich ein Gespräch mit seinem Chef, Axel Poblotzki, stattfinden sollen. Ein Vorfall zwischen einem anderen Angestellten und B. sollte geklärt werden. Beide Angestellte beschuldigen sich gegenseitig der Beleidigung am Arbeitsplatz. Nach dem Vorfall hatte B. zunächst ein kurzfristiges Hausverbot erteilt bekommen.

Doch am Freitag wurde B. der Termin abgesagt. Stattdessen erhielt er einen neuen Brief von seinem Chef mit neuen Vorwürfen.

Angesichts der Schwere der Vorwürfe ist es erstaunlich, wie gelassen Heiko Peters, ebenfalls Konstruktionsmechaniker und seit 18 Jahren bei der Firma Rexroth, reagiert. »Ich finde diese Abmahnungen übertrieben und gehe davon aus, dass sie zurückgenommen werden«, sagt Peters, der ebenfalls Betriebsratsmitglied ist. Er hat selbst bereits zwei Abmahnungen und eine Kündigung erhalten. Die Kündigung wurde letztendlich vor dem Arbeitsgericht als nichtig erklärt, da die Begründung nicht ausreichte.

Nicht so gelassen sieht die Vorfälle Rüdiger Lötzer, Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall: »In den 14 Jahren, die ich als Gewerkschaftssekretär tätig bin, habe ich schon einiges erlebt. Doch wie die Arbeitgeberseite der Firma Rexroth mit den Angestellten umgeht, ist auf einzigartige Weise erschreckend.«

Der persönliche Fall von Rene B. erinnert derweil an den bisherigen Verlauf der Tarifverhandlungen, die seit Anfang des Jahres geführt werden und zuletzt ins Stocken geraten sind. Nach einem ersten Sondierungsgespräch im Februar und einer ersten Verhandlung im Mai kamen keine weiteren Treffen zustande. »Von der Arbeitgeberseite wurden insgesamt sechs Termine abgesagt, oftmals erst kurzfristig«, sagt Heiko Peters. So war es auch mit zwei Terminen in der vergangenen Woche. Sie seien abgesagt worden, weil die Anwältin des Chefs keine Zeit gehabt habe, teilzunehmen.

Drei Arbeitsgerichtsklagen betreue die IG Metall gegen die Firma Rexroth derzeit, berichtet Ilko Vehlow, der als verantwortlicher Tarifsekretär die Tarifverhandlungen leitet. Dabei gehe es aus Sicht der Gewerkschaft um unrechtmäßige Abmahnungen und Kündigungen. Vehlow weist auf »kritische Praxen im Unternehmen Rexroth« hin. So werden Systeme verwendet, in denen für alle Mitarbeiter einsehbar sei, wer wann Pause macht. Rexroth habe Urteile ignoriert, nach welchen diese Praxis gegen datenschutzrechtliche Vorschriften verstößt. Vehlow kritisiert weiterhin, dass die Mehrheit der etwa 150 Festangestellten untertariflich bezahlt wird: »Im Schnitt verdienen sie 25 Prozent weniger, als es in Flächentarifverträgen in der Elektro- und Metallbranche üblich ist.«

Mittlerweile hat die Geschäftsleitung von Rexroth einem neuen Terminvorschlag für den 22. September zugestimmt, in welchem die Tarifverhandlungen weiter geführt werden sollen. »Poblotzki hat bisher mit schlechten Quartalszahlen gegen einen Tarifvertrag argumentiert, aber bisher keine genauen Zahlen offengelegt«, erzählt Vehlow.

Bezüglich der Tarifverhandlungen ist er dennoch positiv gestimmt: »Wir nehmen den Termin auf jeden Fall wahr, ich bin zudem positiv gestimmt, dass wir einen Tarifvertrag abschließen werden, weil ich an das Gute im Menschen glaube«, so Vehlow.

Rene B. will nun mit seinem Anwalt gegen das Hausverbot vorgehen, damit er als Betriebsratsvorsitzender weiter arbeiten kann. »Die Firma Rexroth ist ein Präzedenzfall für Unternehmen, die sich nicht mehr an Tarife binden wollen und keine betriebliche Mitbestimmung wünschen, zumindest nicht auf der Ebene, wie es der Gesetzgeber vorgibt«, sagt B.

Einige seiner Kollegen zeigen sich derweil bereit, ihn in seinem persönlichen Anliegen zu unterstützen. Sie weisen die Vorwürfe von Poblotzki zurück.

Die Geschäftsführung der Firma Rexroth wollte sich wegen »datenschutzrechtlicher Bedenken« nicht zu den Vorfällen rund um den Betriebsratsvorsitzenden gegenüber »neues deutschland« äußern.

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