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Pflegekräfte schreiben Brandbrief

Mitarbeiter der Charité wollen am Mittwoch in einen Warnstreik treten

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

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In einem Brandbrief haben rund 160 Pflegekräfte und Ärzte der Charité den neuen OP-Trakt des Universitätsklinikums kritisiert. Sie klagen über zu wenig Platz, schlechte Hygienebedingungen und fehlende Intimsphäre für Patienten. Außerdem fehle Personal. Der Brief (liegt »nd« vor) wurde kurz vor einem Aktionsstreik des Pflegepersonals an der Charité veröffentlicht, der für Mittwoch geplant ist. Dabei geht es um die laufenden Verhandlungen zwischen der Klinikleitung und der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, um die Weiterentwicklung des Tarifvertrags Gesundheitsschutz.

Ver.di-Verhandlungsführer Kalle Kunkel: »Wäre der Tarifvertrag bereits umgesetzt, wäre die Situation nicht eskaliert.« Die Situation im neuen OP-Saal sei nur »die Spitze des Eisbergs«. Auch auf der Intensivstation in Wedding und in Teilen des Campus Steglitz gebe es ähnliche Situationen.

Die Gewerkschaft fordert nicht nur mehr Personal. Sie will, dass die Krankenhausleistungen reduziert werden, wenn nicht ausreichend Pflegekräfte auf den Stationen eingeteilt sind oder wegen Krankheit ausfallen. Konkret heißt das, dass Operationen verschoben werden sollen, die keine Notfälle sind. Etwa 20 Prozent der Operationen sind laut Charité Notfälle. Zu einem Problem für die Patienten führe eine Verschiebung Kunkel zufolge nicht. »Es ist die jetzige Situation, die zulasten der Patienten geht«, sagte Kunkel.

Im Brandbrief, verfasst von Anästhesiepflegekräften und unterzeichnet von weiterem Pflegepersonal sowie Ärzten, klingt das so: Die Zahl der OP-Säle sei von 19 auf 15 reduziert worden - laut Charité waren es zuvor 18. Dadurch, so der Brief, müssten nun mehr Menschen in weniger Räumen operiert werden. Die Medikamente und Materialien würden nun zentral gelagert, dadurch seien die Wege länger geworden. Das führe auch zu längeren Abwesenheiten von Pflegepersonal, das in den OP-Sälen eingesetzt sei. Abfall- und Wäschesäcke stünden auf dem Gang herum, auch solche von Patienten mit sogenannten Krankenhauskeimen.

Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité, sagt: »Der neue OP-Saal verstößt nicht gegen Hygienestandards und ist sowohl vom Hygieneinstitut als auch von der Krankenhausaufsicht freigegeben.« Die Behauptung, der OP-Trakt entspreche nicht den Hygienebedingungen, schade der Charité.

Patienten müssten vor und nach der OP in Räumen liegen, in denen sie nur schlecht vor den Blicken anderer Patienten geschützt seien, heißt es im Brief weiter. So könnten Fremde zusehen, wie Blasenkatheter gelegt werden. Datenschutz und Intimsphäre der Patienten könnten nicht ausreichend gewahrt werden. Frei sagte dazu, die Bauweise sei nach Ansicht von Krankenhausarchitekten durchaus üblich und verletze keine Vorschriften.

Die Unterzeichner des Brandbriefes kritisieren aber auch einen Personalmangel. »Seit vielen Jahren haben wir dauerhaft mindestens zehn freie Vollzeitstellen«, so die Unterzeichner. Stellen gibt es ihnen zufolge also, sie werden aber nicht besetzt. Weil auch immer mehr Pflegekräfte in Teilzeit gingen, fehle nachmittags häufig Pflegepersonal in den OP-Sälen.

In ihrem achtseitigen Brief fordern die Ärzte und Pflegekräfte unter anderem, freie Stellen öffentlich auszuschreiben und weniger Leiharbeiter einzusetzen. Die Betriebszeiten der OP-Säle sollen an das zur Verfügung stehende Pflegepersonal angepasst werden, und neue Mitarbeiter sollen - nach einheitlichem Konzept - eingearbeitet werden. Sollte die Klinikleitung dem nicht nachkommen, drohen die Verfasser des Briefes damit, keine Überstunden mehr zu leisten und keine zusätzlichen Aufgaben wie Pflegekoordination zu übernehmen. Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz wollen sie zur Anzeige bringen.

Zum Auftakt des Warnstreiks am Mittwoch ruft ver.di zu einer zentralen Aktion um 9.30 Uhr vor dem Vorstandsgebäude der Charité auf. Symbolisch soll es in »Villa Kunterbunt« umbenannt werden. »Vielen Beschäftigten erscheint es, als male sich der Vorstand die Welt an der Charité allzu häufig, ›wie sie ihm gefällt‹«, heißt es in der Ankündigung von ver.di. Am Ende des Streiktages soll eine Prozession über den Campus Virchow-Klinikum in Wedding führen. Unter dem Motto »Danke für …« wollen sich die Beschäftigten auf ironische Weise für Überstunden und häufiges Einspringen bedanken.

Ulrich Frei sagt, die Charité nehme die von den Mitarbeitern formulierten Sorgen »selbstverständlich ernst«. Sie habe »zu berechtigten Punkten Abhilfe zugesagt und bereits auch vieles davon umgesetzt«. In wöchentlichen Konferenzen mit allen Berufsgruppen seien Probleme besprochen worden.

Die Pflegekräfte hatten im Frühjahr 2016 Deutschlands ersten Tarifvertrag erkämpft, der einer Klinik verbindliche Personalschlüssel vorschreibt. Am Donnerstag sollen Verhandlungen für einen erweiterten Tarifvertrag fortgesetzt werden.

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