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Holocaust-Leugnung als Lebensaufgabe

Mit Ernst Zündel verliert die internationale Nazi-Szene eine zentrale Figur

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Am vergangenen Sonntag meldeten zuerst kanadische Medien und neonazistische Portale den Tod Ernst Zündels. Der 78-jährige Zündel starb in seinem Haus in Calmbach im Schwarzwald. Nach Angaben einer Schwester starb Ernst Zündel am 5. August an einem Herzinfarkt. In den letzten 40 Jahren hatte Zündel sein Leben vor allem einem Thema gewidmet: Der Leugnung und Relativierung des industriellen Massenmordes an den Jüdinnen und Juden Europas durch das Dritte Reich.

Ernst Zündel wurde 1939 in Calmbach geboren, wanderte aber schon im Alter von 17 Jahren nach Kanada aus. Grund für seine Auswanderung sollen die Aufstellung der Bundeswehr und der drohende Wehrdienst gewesen sein. In Kanada arbeitete Zündel als Grafiker und gründete ein eigenes Unternehmen. Beruflich war Zündel erstmal erfolgreich. Allerdings fühlte er sich auch politisch zu dem kanadischen Nationalsozialisten Adrien Arcand, der sich selbst als »kanadischer Führer« sah, hingezogen. Ende der 1960er Jahre starb Arcand, Zündel hatte zu diesem Zeitpunkt aber schon Kontakte zu europäischen Neonazis aufgebaut. Er übersetzte die Broschüre »Die Auschwitz-Lüge« des norddeutschen Altnazis Thies Christophersen in die englische Sprache. Um diese und weitere holocaustleugnende Schriften zu veröffentlichen, gründete Zündel in Toronto seinen eigenen Verlag. Finanziert wurde diese Tätigkeit auch durch die Spenden eines internationalen Netzwerkes von Alt- und Neonazis. Zündel selbst verfasste auch immer wieder Schriften, in denen er die Shoah anzweifelte. Seine Aufgabe sah er aber woanders. Zündel war ein Freund moderner Technik und brachte früh Video- und Audiokassetten heraus. Auch im Internet war Ernst Zündel ab 1994 mit einer eigenen Webseite präsent.

Immer wieder führten ihn seine holocaustbestreitenden Aussagen vor Gericht. In Kanada, wo die Leugnung der Shoah nicht strafbar ist, wurde Zündel wegen der Verbreitung falscher Nachrichten verurteilt. Ernst Zündel verstand es allerdings, Prozesse gegen sich, zur politischen Bühne zu machen. Eigens für einen Prozess im Jahr 1988 ließ er Fred A. Leuchter nach Ausschwitz reisen. Der vorgebliche »Hinrichtungsexperte« untersuchte die Überreste der Gaskammern und kam zu dem Schluss, dort habe es keinen Massenmord gegeben. Die Thesen von Leuchter wurden zwar schnell wissenschaftlich widerlegt, doch sein »Leuchter-Report« gehört bis heute zu den gern zitierten Quellen in der Szene der Holocaustleugner. Leuchters Pseudogutachten bewegte damals auch den Historiker David Irving, der schon vorher als Verharmloser des Nationalsozialismus bekannt war, endgültig in das Lager der Holocaustleugner zu wechseln. Ernst Zündel war es also gelungen, seinen Prozess zur großen Bühne des Geschichtsrevisionismus zu machen.

Fast 20 Jahre später gelang dies Zündel noch einmal vor einem breiten Publikum in Deutschland. Zündel, der nie kanadischer Staatsbürger war, wurde im März 2005 nach Deutschland ausgeliefert. Ein halbes Jahr später begann in Mannheim ein Prozess wegen systematischer Leugnung des Holocaust gegen ihn. Als Pflichtverteidigerin Zündels fungierte Sylvia Stolz, eine neonazistische Anwältin. Stolz wurde dabei von anderen rechten Rechtsanwälten wie Jürgen Rieger und Herbert Schaller unterstützt. Im Prozess leugnete die Zündel-Anwältin selbst den Holocaust und unterschrieb eine Beschwerde an das Gericht mit »Heil Hitler«. Nach fast zwei Jahren endete der abstruse Prozess, in dem der Nationalsozialismus immer wieder verharmlost wurde, mit einer fünfjährigen Freiheitsstrafe für Zündel. Der Richter bezeichnete ihn als »gefährlichen Agitator, Hetzer und Brandredner«.

Seitdem hat Zündels öffentliche Präsenz stark abgenommen. Seine in den USA lebende Frau betreibt zwar noch immer Zündels Internetseite, doch diese wirkt wie eine Baustelle. Am besten gepflegt ist der Bereich, in dem UFO-Gemälde von Zündel verkauft werden. Denn neben der Holocaustleugnung hing Zündel auch der Verschwörungstheorie an, dass das Deutsche Reich »Flugscheiben« konstruiert habe, mit denen Hitler und Co. an den Südpol geflohen seien. Zu diesen Ideen Zündels lässt sich kaum ein prominenter deutscher Neonazi aus. Dass Zündel für sie trotzdem eine wichtige Person war, ist eindeutig. Christian Worch, Vorsitzender der Kleinstpartei »Die Rechte«, schrieb schon vor Jahren bewundernde Zeilen über Zündel.

Und der »Dritte Weg«, eine weitere Neonazipartei, veröffentlichte schnell einen Nachruf auf Zündel, in dem er als »einer der größten Kämpfer unseres Volkes für die geschichtliche Wahrheit« bezeichnet wurde. Dazu präsentierten die Neonazis mehrere Fotos, auf denen er unter anderem mit ihrem Vorsitzenden Klaus Armstroff zu sehen ist. Mit Ernst Zündel ist zwar einer der bekanntesten Holocaustleugner gestorben, doch in den vergangenen Jahrzehnten ist es ihm gelungen, seine Thesen einem großen rechten Spektrum bekannt zu machen.

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