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»Eine einzige jüdische Schweinerei«

Josef Storfer, Betreiber der Exilzeitschrift »Gelbe Post«, wurde auch im Shanghaier Exil von den Nazis observiert

  • Von Roland Kaufhold
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Wiener Psychoanalytiker und Sprachforscher Adolf Josef Storfer war ein vielseitig begabter Publizist. Im Shanghaier Exil betrieb er ab 1939 für eineinhalb Jahre die Exilzeitschrift »Die Gelbe Post«. Wie die Auswertung von Dokumenten erst jüngst belegte, wurden Storfer und seine Zeitschrift in Shanghai vom nationalsozialistischen »Stürmer« beobachtet und denunziert.

Josef Storfer, 1888 als Sohn eines jüdischen Holzhändlers in der Bukowina geboren, wächst nach dem frühen Tod seiner Mutter gleichsam in Kaffeehäusern auf. Er studiert in Klausenburg, Wien und Zürich Philosophie, Psychologie und vergleichende Sprachenforschung. 1910 wird er Korrespondent mehrerer Blätter. Zeitgleich wird er auf Sigmund Freuds Schriften aufmerksam. Nach einer Analyse bei Freud wird er von 1925 bis 1932 Direktor von Freuds Psychoanalytischem Verlag. Hierbei ist er sehr erfolgreich. Von strenger Buchführung versteht er jedoch nicht viel. 1932 muss er Freuds Verlag verlassen. In den folgenden Jahren publiziert er die Bücher »Wörter und ihre Schicksale« (1935) und »Im Dickicht der Sprache« (1937).

Der Psychoanalytiker spürt die antisemitische Bedrohung und versucht, in die USA zu emigrieren. Vergeblich. Er erlebt in Wien das Novemberpogrom. Am 31. Dezember 1938 gelingt ihm die Flucht nach Shanghai. Mit ihm haben etwa 20 000 deutschsprachige jüdische Emigranten Zuflucht in Shanghai gefunden. Storfer analysiert seine neue Lebenssituation rasch und versucht, Kontakte in die Welt zu halten. Am 18. Januar 1939 schreibt er: »Die ganze Existenz Shanghais ist durch den Krieg fraglich geworden. Für mich sehe ich bisher keine andere Möglichkeit, als zu versuchen, mit Deutschunterricht mein Brot zu verdienen.«

Der Exilant entwickelt aber große Pläne: Er will eine anspruchsvolle Emigrantenzeitschrift herausgeben, mit einem psychoanalytischen und einem kulturellen Schwerpunkt. Am 31. März 1939 schreibt er an seinen in die USA emigrierten Freund, den Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld: »Wie Sie sehen, bin ich gleichsam - wenn auch in entgegengesetzter Richtung fahrend - in Ihre Nähe gerückt. D.h. es trennt uns kein Festland mehr, nur Wasser, dies allerdings reichlich.«

Am 1. Mai 1939 erscheint die erste Ausgabe der »Gelben Post«. »Ostasiatische Halbmonatszeitschrift« lautete der Untertitel. Storfers Publikation wurde international wahrgenommen. »Ich gründe die Zeitschrift unter den tollsten redaktionellen, technischen und finanziellen Notverhältnissen«, schreibt er an Bernfeld. Sein Magazin werde sich »mit ostasiatischen Dingen« beschäftigen, aber auch »jede Möglichkeit suchen, die Psychoanalyse heranzuziehen, wenn’s nicht anders geht, an den Haaren.« Die ersten fünf Hefte erscheinen halbmonatlich, dann werden die Abstände größer. Die Arbeitsbedingungen und die finanzielle Gesamtsituation sind verheerend: »Ich arbeite 15 - 16 Stunden täglich, schlafe 4 - 5 Stunden«, protokollierte Storfer.

Dieses Engagement im Exil bleibt nicht unbemerkt. Bereits zwei Monate später bringt Julius Streichers nationalsozialistische, vulgär antisemitische Hetzzeitung »Der Stürmer« einen erstaunlich gut informierten Beitrag über Storfer und dessen Magazin. Der »Stürmer«-Beitrag vom Juli 1939 beginnt mit einem scharfen Angriff: »In Schanghai hat sich ein Emigrant aus Wien niedergelassen. Es ist der Jude A. J. Storfer, der einst den Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien geleitet hat. Was ist die Psychoanalyse? Ein ›wissenschaftliches‹ System, welches degeneriertes jüdisches Geschlechtsempfinden für die Völker aller Rassen zur Pflicht machen wollte. Diese Lehre ist eine einzige jüdische Schweinerei.«

Die Stoßrichtung des Textes ist eindeutig: Der Exilant Storfer soll auch in Shanghai rassistisch verfolgt und dämonisiert werden. Dementsprechend schreibt der »Stürmer«: »Der Jude A. J. Storfer hat sich nun in Schanghai niedergelassen. Er arbeitet daran, sein jüdisches Gift in weite Kreise des chinesischen Volkes hineinzuspritzen. An seinem Gift soll das chinesische Volk, das vom Kommunismus ohnehin schon sehr stark zersetzt ist, vollends untergehen.« Und: »Besonders in den von den Japanern besetzten Gebieten Chinas haben die Juden nichts zu lachen. Die Japaner haben ein gesundes Rasseempfinden. Sie wissen, daß der Jude der Erbfeind des japanischen Volkes ist.«

Storfers antifaschistisches Engagement auch im Exil hat in Folge des »Stürmer«-Angriffs Folgen: Ein Jahr später wird er aus Österreich ausgebürgert. In der regierungsoffiziellen Begründung heiß es: »Der Jude Adolf Storfer ist nach Shanghai emigriert und erwarb dort die Halbwochenschrift ›Gelbe Post‹. In dieser Zeitschrift wird eine üble Hetzpropaganda gegen das Dritte Reich entfaltet.« Ende August 1940 muss Storfers Magazin aufgrund des Druckes eines Konkurrenten aufgeben. Erneut versucht er nun, doch noch in die USA zu gelangen. Im Juli 1941 schreibt er: »Von Freunden in Europa bin ich ganz abgesperrt. Aber auch aus Amerika höre ich niemals etwas.«

Im Dezember 1941 gelingt dem 53-Jährigen die Flucht nach Australien. Er arbeitet in einem Sägewerk, eine schwere körperliche Tätigkeit für den gesundheitlich Angeschlagenen. Nach dem Verlust des Manuskripts seines Buches »Von A bis Z« möchte er von der Literatur nichts mehr wissen. Am 2. Dezember 1944 verstirbt Storfer im australischen Exil. Der Wiener Exilant Alfred Polgar bemerkt im April 1946 in der »China Daily Tribune«: »Während der letzten Monate seines Lebens arbeitete Storfer, ein Mann großen, tiefen Wissens, in einer Drechslerei. Vielleicht tat er es aus Not. Nicht ausgeschlossen wäre immerhin bei Storfer, daß ihn die Idee gewonnen hätte, Knöpfe drehen sei eine vernünftigere Tätigkeit als Bücher schreiben.«

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