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Warum Martin Sonneborn attraktiver als ein «Ö» ist

Piraten und «Die PARTEI» wollen die niedersächsische Universitätsstadt Göttingen endlich umbenennen

  • Von Reimar Paul, Göttingen
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Rat der Stadt Göttingen steht vor einer historischen Entscheidung. Denn die Piraten und «Die PARTEI», die im Kommunalparlament eine gemeinsame Gruppe bilden, haben die Umbenennung Göttingens in Martin-Sonneborn-Stadt beantragt. «Ein unbelasteter Name für unsere Stadt muss her, Martin-Sonneborn-Stadt als neuer Name drängt sich dem geschichtsbewussten und zukunftsorientierten Menschen sofort auf», heißt es in dem Antrag.

Am 18. August wird darüber abgestimmt. Martin Sonneborn, 1965 in Göttingen geboren, war von 2000 bis 2005 Chefredakteur beim Satiremagazin «Titanic». Am 2. August 2004 gründete er zusammen mit weiteren Redakteuren des Blattes die Partei «Die PARTEI», deren Vorsitzender er auch ist. Bei der Europawahl 2014 wurde Sonneborn ins Europäische Parlament gewählt. Er ist dort Mitglied im Ausschuss für Kultur und Bildung, in der Delegation für die Beziehungen zur Koreanischen Halbinsel und stellvertretendes Mitglied im Haushaltskontrollausschuss. Als Mitglied der Bundesversammlung schlug Sonneborn seinen Vater Engelbert als Bundespräsidenten vor, der bei der Wahl am 12. Februar 2017 jedoch klar Frank-Walter Steinmeier (SPD) und den anderen Kandidaten unterlag.

«Der Name Göttingen ist für unsere Stadt aus mehreren Gründen nicht mehr geeignet», finden Piraten und «Die PARTEI». «Es ist sogar zu bezweifeln, ob der Name überhaupt jemals geeignet war.» In der weltweit vernetzten und zunehmend digitalen Welt sei ein Ortsname mit einem Umlaut nur noch schwer zu vermitteln. Auf Tastaturen sei das «ö» international kaum zu finden. Göttingen verwende deswegen als Internetadresse schon seit Jahren «goettingen.de». Das «ö» drücke also Unentschlossenheit aus: «Das ist nicht attraktiv.»

«Peinliche Verwechslungen» mit den anderen beiden Orten namens Göttingen (im hessischen Kreis Marburg-Biedenkopf und im württembergischen Alb-Donau-Kreis) wären bei einer Umbenennung «endlich Geschichte», führen die Antragsteller als weiteres Argument ins Feld. Ein neuer Name lasse zudem die unrühmliche Stadtgeschichte vergessen machen. Kaiser Otto I. habe im 10. Jahrhundert einige Siedlungen, darunter «Gutingi» (Göttingen) einfach so an Dritte verschenkt. Andere, weiter im Osten liegende Siedlungsgebiete habe er mit Krieg überzogen. «Martin Sonneborn wird unsere Stadt nie verschenken und einen Eroberungskrieg wird es in seinem Namen auch nicht geben», versprechen Piraten und «Die PARTEI».

Schließlich sei Göttingen ohnehin schon und vor allem «Bundessatirehauptstadt». Nicht umsonst werde gerade hier jedes Jahr der Satirepreis «Göttinger Elch» verliehen: «Kein Name könnte daher besser zu unserer Stadt passen als Martin-Sonneborn-Stadt.» Sonneborn sei nach dem «schnöden Weggang» von Martin Schulz der einzig verbliebene deutsche EU-Politiker von Rang in Brüssel. Sich mit seinem Namen zu schmücken, heiße sich der Welt öffnen und den Blick weit über Südniedersachsen schweifen zu lassen. «Göttingens beschauliche Provinzialität können wir so endlich überwinden.»

Eine nicht repräsentative «nd»-Umfrage bei anderen Stadtratfraktionen förderte erhebliche Bedenken gegen den Antrag zutage. Die SPD etwa hat «wichtigere Aufgaben, als uns mit Satire-Anträgen zu beschäftigen». Und die Göttinger LINKE wünscht sich eher Initiativen, welche «die Lebenssituation in Göttingen verbessern». Doch auch wenn die Initiative von Piraten und «Die PARTEI» zu scheitern droht, dürfte bei der Ratssitzung am 18. August für beste Unterhaltung gesorgt sein. Martin Sonneborn selbst hat nämlich sein Kommen zugesagt.

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