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Mehr Besucher und mehr Probleme

Flughafendiskussion und genervte Anwohner treiben Tourismuswerber um

Die Tourismuszahlen wachsen, aber längst nicht mehr so stürmisch wie in den vergangenen Jahren. Im ersten Halbjahr 2017 zählte das Statistische Landesamt Berlin-Brandenburg 6,2 Millionen Berlin-Besucher (plus 2,7 Prozent), die 14,7 Millionen Übernachtungen buchten (plus 1,8 Prozent). Wirkliche Impulse für die Region könnten nach Ansicht der Tourismuswerber von »visit Berlin« zusätzliche interkontinentale Flugverbindungen bringen.

»Doch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) macht eindeutig eine Verkehrspolitik zugunsten der zwei Luft-Drehkreuze Frankfurt und München«, sagt »visit Berlin«-Chef Burkhard Kieker. Das fange schon bei der restriktiven Haltung zu Landerechten für außereuropäische Fluggesellschaften an. So würde das chinesische Unternehmen Hainan Airlines gerne täglich von Berlin nach Peking fliegen statt nur fünfmal pro Woche wie bisher. »Sie bekommen aber keine Genehmigung des Bundesverkehrsministeriums«, so Kieker.

Als »aberwitzig« bezeichnet Kieker die Äußerungen Dobrindts, nach denen er sich für eine Offenhaltung des Flughafen Tegels auch nach BER-Eröffnung ausspricht. Warum der Weiterbetrieb des Nostalgie-Airports schädlich wäre, erklärt Kieker, der selbst viele Jahre in der Luftfahrtbranche tätig war, am Beispiel Mailand. Nach Fertigstellung des neuen Standorts Malpensa wurde entgegen der Planung der stadtnahe Flughafen Linate nicht geschlossen. Der Umstieg zwischen Kurz- und Langstreckenflügen ist kompliziert. In der Folge sei München zum Drehkreuz für Norditalien geworden.

»Es gibt leider eine ganze Reihe von Berlinern, die auf den Bauerntrick Dobrindts hereinfallen«, poltert Kieker. »Alexander Dobrindt ist CSU-Politiker und will den Flughafen München schützen.« Wer für Tegel stimme , spiele mit der Zukunft der Stadt.

Eine weitere Baustelle der Tourismuswerber ist die Akzeptanz der Besuchermassen vor allem bei der innerstädtischen Bevölkerung. In Städten wie Barcelona oder Venedig haben sich bereits massive Bürgerproteste an dem Thema entzündet. »Overtourism« wird das in der Fachwelt genannt - zu viele Touristen. »Sehr ernst« nehme Kieker das und verweist auf das Tourismuskonzept, das von der Wirtschaftsverwaltung erarbeitet wird und im Frühjahr 2018 vorgestellt werden soll.

Allerdings sei das nur ein punktuelles Problem in der Hauptstadt. »Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg klagen über zu viele Touristen, die anderen zehn Bezirke wollen noch mehr haben«, so Kieker.

Karola Vogel aus Friedrichshain ist eine Betroffene. Sie wohnt in der Nähe der Kneipenmeile Simon-Dach-Straße und engagiert sich in der Nachbarschaftsinitiative »Die Anrainer«. »Schon Ende der 90er Jahre hätte man bei uns in der Gegend ansetzen müssen. Inzwischen haben sich die Probleme manifestiert«, sagt sie. Dazu gehören der nächtliche Lärm, eine vor allem auf Touristen ausgerichtete Einzelhandelsstruktur und ein schwunghafter Drogenhandel nebst krimineller Strukturen.

»Die bisherigen Lösungsansätze von Senat und Bezirken zielen nur auf eine größere Akzeptanz des Tourismus bei den Anwohnern«, beklagt Vogel. »Entscheidungen, wie mit den Begleiterscheinungen umgegangen wird, können nicht nur von den Interessen der Wirtschaftsvertreter geleitet werden«, sagt sie und fordert eine echte Bürgerbeteiligung.

»Es zeigt sich immer mehr, dass der Tourismusboom für die Stadt und ihre Bewohner zerstörerische Auswirkungen bringt«, sagt Katalin Gennburg, Tourismusexpertin der LINKEN im Abgeordnetenhaus. Sie fordert auch bezirkliche Tourismuskonzepte, um Anwohner zu schützen.

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