Von Thomas Fritz, Leipzig

Das Ende der Familienfreundlichkeit

Folge 119 der nd-Serie Ostkurve: Bei RB Leipzig hat sich die erste gewaltbereite Fangruppe »L.E. United« gegründet

Selbst im Angesicht ständiger Anfeindungen traten die Fans von RB Leipzig bislang fast ausnahmslos geschlossen und friedlich auf. Damit könnte es nun vorbei sein.
Selbst im Angesicht ständiger Anfeindungen traten die Fans von RB Leipzig bislang fast ausnahmslos geschlossen und friedlich auf. Damit könnte es nun vorbei sein.

Die Fanszene von RB Leipzig besaß bisher unter allen Bundesligisten ein Alleinstellungsmerkmal - das Fehlen von gewalttätigen Anhängern. Nun droht das Ende dieser Sonderstellung. Die neue Fangruppierung »L.E. United«, die sich als Reaktion auf die Übergriffe auf RB-Anhänger im Februar in Dortmund formiert hat, will notfalls auch das Faustrecht sprechen lassen. »Wenn uns einer an die Wäsche will und keine Polizei zur Stelle ist, werden wir von unserem guten Recht Gebrauch machen, uns selbst zu schützen«, erklärte ein Sprecher der »Mitteldeutschen Zeitung«. In der vergangenen Saison soll es bereits mehrfach zu Pöbeleien durch Mitglieder der etwa 20-köpfigen Gruppierung gekommen sein, die gut an ihren schwarzen Fischerhüten zu erkennen ist. Die ansonsten mehrheitlich linke Ultraszene beschwerte sich zudem über rassistische und homophobe Sprüche.

Bei vielen Fans und Verantwortlichen des Vizemeisters löst diese Entwicklung Unbehagen aus. »Eine unserer Maximen ist auch zukünftig, unser Stadion und unsere Heimspiele gewaltfrei zu halten und in der Red-Bull-Arena weiterhin Fußballfeste zu feiern«, teilte der Klub auf Anfrage mit. Der Verein drängte L.E United dazu, den Verhaltenskodex zu unterschreiben, in dem sich alle Fanklubs von diskriminierendem Verhalten distanzieren müssen. Zudem sind regelmäßige Treffen mit dem Fanbeauftragten vorgesehen. RB will die Gruppierung jedoch nicht vorverurteilen und keine Alarmstimmung verbreiten. Noch sei es zu keinen nachweisbaren Vorfällen gekommen, heißt es.

Beim Fanverband, dem Dachverband der Fanklubs, wurden dagegen durchaus nachweisbare Vorfälle beobachtet. Der erhebliche Konsum alkoholischer Getränke soll da noch das kleinste Übel gewesen sein. »Wir hoffen und erwarten, dass die Betroffenen durch das Akzeptieren des Verhaltenskodexes künftig ein besseres und angebrachteres Verhalten an den Tag legen«, teilte der Fanverband auf Anfrage mit. Die größte Kritik kommt aber aus der Kurve. Die Interessengemeinschaft Rasenballisten und die linke Ultragruppierung Red Aces warnen in einer Stellungnahme vor »einer Bürgerwehr im Block« und vor »rechten bis rechtsoffenen Gesinnungen« bei L.E. United. Die Ultras behaupten, es habe zu Ende der vergangenen Saison Pöbeleien gegen sie und eine »Refugees-Welcome«-Fahne gegeben. »Wir werden keine Gruppe akzeptieren, die sich über andere hinwegsetzt, Nährboden für rechte Fans bietet und antirassistische AnhängerInnen bedroht«, heißt es.

L.E. United fühlt sich durch die Ultras in die rechte Ecke gedrängt, man spricht von einer »Verunglimpfungskampagne«. Es gebe in den eigenen Reihen Leute mit »eher linken, liberalen und streng konservativen Ansichten«, erklärte der Sprecher. Man wolle aber keine Politik im Stadion. Eine Formulierung, die unter rechten Fußballanhängern geläufig ist und sich gegen die mehrheitlich linke Ultrakultur und ihre politischen Losungen richtet. Zudem distanzierte er sich vom Verdacht, dass seine Gruppe aktiv für Randale sorgen und gegnerische Fans angreifen wolle. »Wir wollen keine potenziellen Gewalttäter anziehen«, hieß es in der »Mitteldeutschen Zeitung«. In der Datei »Gewalttäter Sport« der Polizei soll kein Mitglied von L.E. United verzeichnet sein, behauptete der Sprecher.

Die laut eigenen Angaben »körperlich stabilen« Fans, die früher teils zu Lok Leipzig und Chemie/Sachsen Leipzig pilgerten, von denen einige schon seit 2009 in der RB-Kurve stehen und verschiedenen großen Fanklubs angehören, wollen weitere Angriffe auf eigene Anhänger um jeden Preis verhindern. So rechnen sie in der kommenden Champions-League-Saison mit einem erhöhten Gefahrenpotenzial. »Es wird weitere Vorfälle dieser Art geben, bei denen es böser ausgehen kann als in Dortmund.« Im Februar hatten Dortmunder Fans die Leipziger auf dem Weg zum Stadion mit Flaschen- und Böllerwürfe attackiert.

Doch für den RB liegt das größere Problem derzeit offenbar in den eigenen Reihen. »Wir sind im ständigen Austausch mit allen Fangruppierungen, dem Fanprojekt, der Polizei und der DFL«, teilte RB mit. Bei Vorfällen im heimischen Rund werde man rigoros mit Haus- und Stadionverboten reagieren.

Bisher war es in der Leipziger Arena friedlich geblieben. Hier ein Bierbecherwurf, dort ein paar Pöbeleien. Erst zwei Stadionverbote mussten vom Klub ausgesprochen werden - im Vergleich zu anderen Vereinen ein nahezu jungfräulicher Zustand. Auch auswärts machten RB-Anhänger bis dato kaum Schwierigkeiten. Vor zwei Jahren sorgte eine Gruppierung aus dem Leipziger Umland mit rassistischen Sprüchen für Ärger, auch dank den Selbstreinigungskräften in der Kurve ist sie mittlerweile nicht mehr präsent. Wird man in zwei Jahren auch das gleiche über L.E. United sagen können? Eine pöbelnde Schlägertruppe beim Familienverein - es wäre das Horrorszenario für die Verantwortlichen.

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