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Washingtons Rattenplage

Die US-amerikanische Hauptstadt kämpft gegen die »Schoßhunde des Teufels«

  • Von Fabian Wegener, Washington
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Mülltone erwacht zum Leben, als ein Passant eine Coladose hineinwirft. Unruhiges Schaben und Rascheln folgen. Sobald die Sonne untergeht, wird in vielen Teilen der US-Hauptstadt Washington ein Rattenproblem offenbar. Es droht Bewohnern und Vertretern der Stadtregierung gleichermaßen über den Kopf zu wachsen.

»Orkin«, eines der führenden Unternehmen für Schädlingsbekämpfung in den USA, listet D.C. in den »Top 50 der am meisten rattenverseuchten Städte« nach Chicago und New York auf dem dritten Platz.

Die Anzahl der nagetierebedingten Einsätze von Kammerjägern ist von 2015 bis 2016 um 65 Prozent gestiegen - von 2300 auf mehr als 3500 in privaten sowie geschäftlich genutzten Gebäuden, wie das Büro von Bürgermeisterin Muriel Bowser mitteilt.

Ein wirksames Rezept scheint es kaum zu geben, um dem »Schoßhund des Teufels«, erfolgreich zu begegnen, wie die Ratte im »National Geographic Magazine« betitelte wurde.

Auch in Washington zwängen sich die Überlebenskünstler durch Löcher von der Größe einer Münze, nagen sich durch Rohre, erklimmen Backsteinwände, kommen in Gebäude über Abwasserkanäle und überstehen selbst einen Sturz aus dem fünften Stock.

Die Stadtregierung ist trotzdem optimistisch. »Wir haben zurzeit mit einer großen Rattenpopulation zu kämpfen, sind aber zuversichtlich, dass wir der Lage Herr werden können«, sagt Gerard Brown, im Gesundheitsministerium zuständig für die Rattenbekämpfung. Grund für das verstärkte Rattenaufkommen sei der milde Winter. Ein kalter Winter sorge normalerweise dafür, dass die Population auf natürliche Weise dezimiert werde, aber der letzte war besonders warm.

Seit April 2016 gehe man energischer denn je gegen die Plage vor. Die Stadtregierung gewährt noch einige Wochen Zuschüsse bis zu 13 500 Dollar für ausgewählte Geschäfte und Unternehmen, damit diese sich industrielle Abfallpressen für ihren Müll kaufen oder leihen. So soll insgesamt 60 Betrieben die Möglichkeit gegeben werden, die Straßen abfallfrei zu halten - und so den Ratten die Nahrungsquelle zu nehmen. Zusätzlich seien 25 solarbetriebene Abfalleimer sowie 400 Behälter in den »Ratten-Hotspots« platziert worden, die per Sensor informieren, wenn sie voll sind.

Der Rattenexperte Bobby Corrigan findet zwar lobende Worte für die Maßnahmen, ist aber trotzdem besorgt. Die verhältnismäßig geringen Vorkehrungen reichten kaum aus, um menschliches Fehlverhalten aufzuwiegen. »Es braucht nicht viel, um einen ganzen Häuserblock zum Nährboden der Fressnomaden gedeihen zu lassen«, erklärt der Mann, der selbst jahrelang im rattengeplagten New York als Kammerjäger unterwegs war. »Ein einziger Anwohner, der sich nicht an die Regeln hält, reicht völlig.«

Auch bei den Bewohnern Washingtons mehren sich Zweifel. »Sie sollen lieber damit aufhören, immer mehr Grünflächen kaputtzumachen, um darauf neue Wohnblöcke zu errichten«, sagt Nichelle Wilson (34), die in der Innenstadt lebt. Wenn sie ihre Tante im südlichen Teil der Stadt besucht und in der Dunkelheit zu ihrem Auto zurückgeht, wird sie oft nervös. »Da sind Ratten, so groß wie Katzen«, erzählt sie in angewidertem Ton, ihre Hände beschreiben die Maße der Nagetiere.

Andere Anwohner finden in sozialen Netzwerken deutliche Worte für die Situation. Auf der Bewertungsplattform Yelp findet man seit 2015 das »Dupont Circle Ratten-Reservat« im gleichnamigen Viertel. Hier haben Nutzer zahlreiche zynische Bewertungen verfasst, die das Ausmaß des Problemes verdeutlichen. »Willkommen am angesagtesten Ort in D.C. für die lokale Ratten-Community«, schreibt eine Nutzerin.

»Man darf nicht vergessen, dass Ratten tatsächlich tödliche Erreger übertragen, die jedes Jahr auch in den Staaten Todesopfer fordern«, sagt Corrigan. Vor allem durch die Hantaviren, die durch den Urin der Nagetiere verbreitet werden, kommt es laut der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC jedes Jahr zu tödlichen Infektionen.

Die Ratten machen auch Obdachlosen zu schaffen. »Die essen mir die Reste weg«, erzählt Ed, der seit über drei Jahren auf den Straßen von D.C. lebt. Trotzdem könne er die Ratten verstehen: »Die wollen ja auch nur die Nacht überstehen - wie wir.« dpa/nd

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