Mordio und Regio

Nibelungen-Festspiele Worms: »Glut - Siegfried von Arabien« von Albert Ostermaier

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Auf langer Zugfahrt von Worms nach Berlin: Verspätungen. Ich höre bemühte Erklärungen: Irgendwo sei es zur »Überlastung eines Stellwerkes« gekommen, auch von der »Umleitungsfahrt auf einer Nebenstrecke« und »Überprüfungen des Weichensystems« geht die Rede. Lautsprecheransagen als unfreiwillige Anleitungen zur Theaterkritik. Denn: Das Hauptstück der diesjährigen Nibelungen-Festspiele in Worms geht auf große Reise - per Bagdadbahn. Vor der gewaltigen, golden ins Abendlicht getauchten Domkulisse stehen, keuchen, dampfen zwei Waggons, ein Mittelding zwischen Orient-Express und einer Kleinbahn im Vergnügungspark.

»Glut - Siegfried von Arabien« heißt, nach »Gemetzel« und »Gold«, das Abschlussdrama von Albert Ostermaiers Nibelungen-Trilogie. Sie bot seit 2015 Übermalungen zwischen Star Wars-Fantasien, Karl-May-Kolportage und einem gleichsam verdeutschten Hollywood-Geist. Ein Geist, der den Nibelungen-Stoff zwar storyfurios variiert, aber das geschichtliche Grundmuster doch verlässlich durchscheinen lässt. Diese Tragödie von Machtsüchtigen nämlich, die sich zwischen Erlebniskitzel und Auslöschungstrieb fortwährend in den Krieg stürzen müssen. Jene Truppe aus Burgund - oft genug eine Horde. Hervorkriechend wie aus Gräbern, Grüften, Unterwelten; man quält sich aus Trümmern, ohne ins Freie zu gelangen; immer irgend eine neue geschichtliche Steinzeit entlässt so ihre alten Wiedergänger. Was »Die Nibelungen« auch erzählen: Stets werden die Verbrechen der einen Macht durch Verweis auf die Verbrechen anderer Mächte zur Tugend erklärt - dies ist das erstickende Patt, das Politik heißt.

Diesmal geht die Fahrt, mitten im Ersten Weltkrieg, ins Osmanische Reich. Der deutsche Hauptmann Klein in heikler Mission: Er leitet eine geheime Truppe, die britische Ölquellen sprengen und vor allem Scheich Omar zu einem Heiligen Krieg gegen die europäische Entente anstiften soll. Ein Aufrag des islamfreundlichen Kaisers. Und ein historisch verbürgtes Geschehen! Daraus entwickelte Ostermaier seine Fiktion: Getarnt ist das Sondereinsatzkommando als Theatertruppe, die also nicht nur Waffen, sondern für den Scheich auch Kunst - eben die Nibelungensaga - im Gepäck hat.

Kunst ist ja ebenfalls Waffe - also wird zudem Wagner exportiert! Sopranistin Nadja Michael (als Walküre) und Tenor Bassem Alkhouri setzen wuchtige »Ring«-Akzente, ohne weihevoll zu werden - gleichsam im falschen Film, wirken sie doch echt und energisch. Mit an Bord auch eine deutsche Filmregisseurin und Agentin, Lady Adler, deren riefenstahlglänzende Ästhetik das Geschehen fiebernd, hochpathetisch auf eine Leinwand wirft. Etwa einen zähnefletschenden Schäferhund, der sich offenbar nach Baskerville träumt. Oder einen Türkenfahnenschwinger in Zeitlupe. Oder Porträts der Reisenden, verschwimmende Konturen, gleichsam: schwitzende Psychen, die ihr Zentrum verloren. Hauptmann Klein muss indes seine Soldaten im Blick haben, denn sie geraten zwischen militärischer und tourneetheatralischer Identität mehr und mehr in Verwirrung - zugleich führt der Deutsche aufreibende Gespräche mit französischer, russischer, englischer Elite. Zwielichtgesichter, die ebenfalls mitreisen. Balance-Getändel zwischen Todfeinden.

Die Inszenierung von Nuran David Calis (Bühne: Irina Schicketanz) bietet Feuer und Farben, die Kostüme schwelgen im folkloristischen Kolorit, und im weithin aufgeschütteten Wüstensand wird nach der Pause ein Zelt stehen, »Sehen Sie sich diese Moschee an, dieses Monument aus Stein!« Sagt Hauptmann Klein und zeigt unter Publikumslachen auf den Dom. Später schieben sich Feldwände schräg gegen diese kirchenmythische Kulisse, unweit vom Rhein, wo der Schatz der Burgunder »bunkern« soll. Grandios treibend die Musik von Vivan und Ketan Bhatti - eine siebenköpfige Band konzertiert, illustriert, illuminiert live die orientalische Szenerie, die versoffene, versonnene, überhitzte, lauernde Stimmung. Eine Verbindung von Bregovich, Basar und Bar. Eine Atmosphäre, in der die Menschen, wie Ostermaier einmal schrieb, »Angst vor dem Miteinander haben, weil sie vom Gegeneinander profitieren«. In langen Monologen, in umdüsterten Gesprächen, in brünstigen Reflexionen entfaltet Ostermaier ein Panorama von Militaristen, Separatisten, Islamisten, von Hasardeuren, Schwadroneuren, Saboteuren.

Vergangene Festspieljahre bewiesen: Jene dramaturgische Grobheit, die das Freilichttheater fordert, dieser Zwang zu klarer, körniger Spielweise - das muss kein Gegensatz zu eindringlichem Schauspiel sein. Und just die Poesie Albert Ostermaiers ist ein glühendes Wesen, es jagt heiß durch die kalte Asche alles Ausgebrannten. Mit einem schäumenden, ruchlos hochjagenden Ausdruck. Diese Sprache verausgabt sich lüstern. Sie trägt dick auf, weil sie abtragen muss bis auf die dünnste Stelle Haut. Diese Sprache will, dass sie wie ein Schrei klingt. Lustschrei, Lastschrei. Der Schrei verteidigt, was dem Dichter notwendig erscheint, uns zu flüstern.

Hier: an die zwanzig Akteure. Gewusel, Gerenne, Geplänkel, Gelage. Aber eher ein Eindruck von flächigem, funkenlosem Panorama als von plastischen, aufeinanderprallenden Charakteren. Wer sagt gerade was? Erst der Blick auf die filmische Großaufnahme gibt sichere Auskunft. Kaum eine der Figuren vermag gefühlsbindende Brücken ins Publikum zu schlagen. Heio von Stetten ist ein amplitudensparsamer Hauptmann Klein, Valerie Koch eine informations- und männersüchtige Lady Adler, Waldemar Kobus ein behäbig berauschter Brite, Ismail Deniz ein schmaler schlapper Russenprinz, der treffend sagt: »Der Russe schlägt und weint.« Quirlig, wendig, sehr talentiert darin, vorm britischen Major die Hose fallen zu lassen: Giorgios Tsivanoglou als Zugchef. Als türkischer Polizeichef tobt sich Oscar Ortega Sanchez in einen Erdogan-Verschnitt hinein und droht an, alle Ausländer und Journalisten verhaften zu lassen. Und zum schauspielerischen Höhepunkt wird der französische Waffenhändler: David Bennent lungert, schleicht, aber dann zitiert er Rimbaud, und es ist in Augen und Stimme und Lippenwurf ein anziehender Rausch der Verruchtheit, der Verrücktheit, der Verstiegenheit.

Aber eben: Wir blicken hinunter auf die Wüste, es bleibt ein Fernblick, ein Draufblick. Wenig Herz schlägt, es raschelt eher Papier. Glut? Wo ist das Feuer, das hier zünden könnte? Das also auch Papier anzünden könnte, so dass die Zungen brennen vom Textschmerz? Was zu hören ist, sind politische Zwistigkeiten, patriotische Umtriebe, soldatische Verzweiflungen. Lageberichte, die weder Tragödie noch Komödie anfeuern. Viel ist los, aber alles bleibt gedimmt. Und ist teils so verzwackt komponiert, dass ich tags später an die anfangs erwähnten Zugdurchsagen dachte. Das Stück wie eine Bahnstrecke. Auch auf der Fahrt nach Persien gab es die Überlastung eines Stellwerkes (man kann es Dramaturgie nennen), auch kam es zu Umleitungsfahrten auf Nebenstrecken, vielleicht hätte es eine Überprüfung des Weichensystems geben müssen. Morde und Orient-Express? Mordio und Regio.

Erst am Hofe Omars stellen sich Dichte, Spannung ein. Mehmet Kurtulus spielt diesen Scheich als einen Herrscher der Gewaltfreiheit, der den Deutschen ihren Ringparabel-Lessing in Erinnerung ruft. Den Deutschen, denen das Nibelungen-Spiel in den blutigen Ernst rutscht. Denn Omars Frau ist Gräfin Falke, eine Deutsche, der Dennenesch Zoudé all ihren äthiopischen Zauber gibt. Um in ihrer dunklen Härte - zu weinen. Und da sie die Deutschen hasst, weil die ihren Siegfried töteten, darf die Szene beim Scheich zum Hof des Königs Etzel werden, die altgewohnte Rache rumort, und Nahost ist wieder blutiges Nibelungenland. Und der Aufruf zum Heiligen Krieg holt IS-Terroristen in die Szene, die auf dem Dach eines Panzerzuges mit einem Flammenwerfer alles in Schutt und Asche legen.

Trotz der Einwände bleibt Ostermaiers Trilogie, die nun ihren Abschluss fand, die intelligente, ambitionierte Vermessung eines freien Jagdraums. Wer jagt wen? Der Unglaube den Glauben, und der Glauben treibt stets einen neuen Unglauben hervor. Die ewige dialektische Treibjagd. Man bräuchte wohl eine astronomische Entfernung, um die Geschichte und uns begreifen zu können. Aber wie soll man auf den Mond gelangen, wenn schon vorher alles in die Luft fliegt. Zum Ende dieser Aufführung freilich ein schöner Trost und Trotz der Wirklichkeit: der Mond über Worms. Der Anpassung an die Szene, also der Verwandlung in einen Halbmond, verweigerte er sich.

Vorstellungen bis 20. August

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