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Autopilot mit Tücken

Notizen aus Venedig - Begegnung mit dem Bühnenbildner Ezio Toffolutti

Manche sagen ja, Venedig sei so ähnlich wie Amsterdam, eine Stadt mit vielen Kanälen eben. Aber das ist falsch, denn Venedig liegt mitten im Meer und außerdem am Fuße der Alpen. Das muss man erst einmal hinbekommen, dieser unberechenbare Doppelcharakter hat es in sich.

In meinem Wohnzimmer, das eigentlich das Wohnzimmer des Mathematikprofessors aus Padua ist, hängt eine wandfüllende Reproduktion, auf sechs Platten unter Glas verteilt: Venedig im 16. Jahrhundert. Es sieht aus wie heute immer noch - nur einige »späte« Bauten fehlen, wie die Redentore auf Giudecca, die zur Erlösung von einer großen Pestepidemie 1592 eingeweiht wurde. Auch die barocke Salute-Kirche wurde erst 1687 gebaut. Sonst ist alle schon da, auch die meisten der Häuser. Und auf jedem freien Flecken Land sind mit feinem Strich Obstgärten eingezeichnet.

Die fehlen inzwischen, denn das Obst kommt heute bekanntlich aus dem Supermarkt. Vor allem aber sind da auf der fein ziselierten Karte acht pausbäckige Engel, je zwei an jeder Seite, die mit aller Kraft aus allen Himmelsrichtungen zu blasen scheinen. Das sind die verschiedenen Winde, denen Venedig ausgesetzt ist. Bläst er von Norden, ist die Luft klar und kühl, plötzlich sieht man gleich mehrere Bergketten der Alpen am Horizont. Aber der Wind dreht schnell und plötzlich kommt er aus Süden, Westen oder Osten. Gefürchtet ist der Schirokko aus der Sahara, der heiß und staubig ist. Über dem Meer lädt er sich mit Feuchtigkeit auf und liegt dann wie eine schwül-warme Decke über der Lagune. Plötzlich ist die Stadt wie in Milch getaucht.

Heute ist Schirokko und ausgerechnet da besuche ich den Bühnenbildner Ezio Toffolutti, der wie alle Venezianer auf zeremoniöse Weise lässig ist. Er wohne in Santa Croce, das ist das Viertel am Bahnhof, könne man gar nicht verfehlen, sagt er, denn das Haus liege Luftlinie gleich schräg gegenüber dem Piazzale Roma, die Hausnummer nennt er mir auch. In Venedig hat jedes Haus seine eigene Nummer, es sind Tausende, meines trägt die Nummer 6574. Wenn man einen Brief nach Venedig schickt, dann ist eigentlich nur die Hausnummer wichtig. Aber wenn man jemanden besuchen will? Ich kreise eine halbe Stunde durchs Viertel, mal werden die Zahlen größer, mal kleiner - doch die richtige Nummer ist nie darunter. Das ist wie Lotto. Also anrufen und das Problem schildern. Das sei doch für einen denkenden Menschen vollkommen einfach, antwortet Toffolutti. Man geht nur gerade aus, dann rechts und dann links. Aha! Ich kreise weiter durchs Viertel, aber die Gewissheit wächst, da finde ich nie hin. Wieder Anruf: Also Professore, entweder Sie holen mich an der nächsten Vaporetto-Station ab oder ich mache mich auf den Rückweg, das hier führt zu nichts. Er kommt und nach ein paar Schritten sind wir bei ihm. Kein Wunder, wenn ich den Namen der ponte (Brücke) und der Calle (Gasse) gewusst hätte, wäre ich jetzt auch da, ich bin doch kein venezianischer Postbote.

Aber an so was denken gebürtige Venezianer nicht, sie brauchen das nicht, um sich zu orientieren. Dann zeigt er auf das Haus, in dem er 1944 geboren wurde, da war Venedig noch von den Nazis besetzt. Sein Vater starb als Matrose ganz am Ende des Krieges, als die Deutschen ein italienisches Kriegsschiff bombardierten, das war, als ein Teil Italiens sich bereits von Mussolini befreit hatte.

Eigentlich hätte ich ihm ja Blumen gekauft, aber Blumen haben es schwer in Venedig. Vor ein paar Tagen schwamm im Kanal unter meinem Balkon eine rote Rose. Ich folgte ihr mit den Augen, bis sie versank. Ein vorhersehbares Blumen-Schicksal in dieser Stadt. Und auch bei den Floristen gibt es meist nur Grabschmuck. Schnittblumen kauft keiner. Neulich sah ich durch die offenen Tür eines Blumengeschäfts einen Krug mit schönen gelben Gerbera und verlangte fünf Stück. Endlich mal Blumen im Zimmer! Die Verkäuferin war überaus freundlich, geradezu anteilnehmend. Ob sie es etwas zurechtmachen solle? Gern. Sie holte einen Palmwedel aus dem Hintergrund, durchsichtige Folie, legte die Blumen darauf und tackerte schließlich alles fest. Was war das? Offensichtlich etwas, das man nicht in eine Vase stellt, sondern auf den Boden legt. Die freundliche Verkäuferin konnte sich nicht vorstellen, dass ich gar nicht auf eine Beerdigung will. Also kriegt Toffolutti keine Blumen.

Der legendäre Bühnenbildner von Benno Besson und Dimiter Gotscheff wohnt in einer Dachwohnung mit schöner Terrasse. Keine Klimaanlage, aber ein Monstrum von Ventilator, der die Haare herumwirbelt, als segelte man bei Sturm über die Lagune. Die Räume sind vollgestopft mit Entwürfen eines langen Lebens für die Bühne. Für Heiner Müllers »Zement« nach Fjodor Gladkow von 2013 (die letzte große Inszenierung von Gotscheff) in München studierte er anhand des postrevolutionären Russlands und seiner brachliegenden Industrie die archaische Höhlenmalerei. Der Bühnenbildner ist immer ein Schamane, sucht elementare Bilder mit magischer Kraft. Für diese Inszenierung zauberte er eine Welt aus Lehm und Staub, die die Menschen im Dreck ihres kärglichen Alltags wie Lemuren aussehen ließ. Das war grandios.

Aber er hat es - als gebürtiger Venezianer - auch gern mal bunt wie beim Karneval. Etwa bei Carlo Gozzis »Die Liebe zu den drei Orangen« wahlweise als Schauspiel oder mit Musik von Prokofiew. Da die beiden großen Regisseure inzwischen gestorben sind, inszeniert er auch immer öfter selbst. Im kommenden Frühjahr etwa in Dessau die »Dreigroschenoper«. An den Entwürfen arbeitet er gerade.

Wenn man am anderen Ende Venedigs ist und es Abend wird, muss man rechtzeitig an Aufbruch denken. Ich fühle mich ein wenig so, wie ein Kind vor dem Gang durch einen dunklen Wald. Ein wenig furchtsam. Eigentlich verlaufe ich mich schon viel weniger als früher. Am besten geht man nach der Devise: bloß nicht nachdenken, dort entlang, wo einen die Füße hinführen. Und plötzlich sind es altbekannte Wege. Da habe ich mal gewohnt, in dieser Pizzeria mal gegessen. Es ist wie bei den Fledermäusen, die sich im Dunkeln mit Echolot bewegen. Und besser noch, um Energie zu sparen, speichern sie bekannte Gegenden einfach ab und fliegen (wenn sie nicht gerade jagen) sozusagen per Autopilot. Im Experiment hat man nachgewiesen, dass, wenn so eine Fledermaus im Sparmodus wie im Halbschlaf ihrer Wege trottet und man dann allzu abrupt etwas in der Raumgeometrie verändert, es unweigerlich zur Havarie kommt.

Daran muss ich denken, als ich nach einer drei Viertel Stunde Fußweg quer durch die Stadt, fühle, dass ich schon ganz nah meiner heimischen Haus-Nummer 6475 bin. Ist ja auch einfach, immer Richtung Fondamente Nove, also immer gerade aus. Aber versuche mal einer in einem Labyrinth die Richtung zu halten! Es klappt, mein Autopilot weiß Bescheid. Doch dann ist plötzlich Schluss und wie eine denkfaule Fledermaus gegen die Wand prallt, die sie nicht im Programm abgespeichert hat, stehe ich plötzlich vor einer Baustelle. Man muss einen Bogen durch andere Gassen drum herum gehen - und so wie man als Kind beim Topfschlagen genau fühlt, wann es heißer und wann kälter wird, spüre ich, es wird wieder kälter, ganz kalt trotz Schirokko. Ich habe die Richtung verloren, entferne mich von meinem Ziel. Da sind schon wieder diese tückischen Wegweiser zum Markusplatz. Es gibt in Venedig überhaupt nur zwei Arten Wegweiser: zum Markusplatz und zum Rialto, gemeinsam ist ihnen, dass sie immer in die Irre führen, aber so was macht den Venezianern offenbar Freude.

Ich habe mich gründlich verirrt, so kurz vor dem Ziel. Da gibt es nur noch eine Rettung: den Vaporetto. Da darf man dann bloß die richtige Station nicht verpassen. Eigentlich eine eher leichtere Übung.

Gunnar Deckers »Notizen aus Venedig« der Vorjahre sind im Buch »Venedig für Skeptiker« erschienen (Ornament-Reihe im Quartus-Verlag, 168 S., geb., 16,90 €) und erhältlich im nd-Shop, Tel. (030) 2978-1777.

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