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Der Elefant in Bewegung

Indien seit 70 Jahren unabhängig / Regierende Hindunationalisten propagieren Erfolge / Armut und Korruption

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Die Geburtsstunde des freien Indien hätte schmerzlicher nicht ablaufen können. Der Kampf gegen die britische Kolonialmacht endete damit, dass der riesige südasiatische Subkontinent 1947 zerstückelt wurde in das mehrheitlich hinduistische Indien und das mehrheitlich muslimische Pakistan. Dieser turbulente Prozess löste eine Welle von Hass und Gewalt aus. Etwa zwölf Millionen Flüchtlinge überquerten die eben erst gezogene Grenze. Zwischen einer halben und einer Million Menschen wurde dabei massakriert. Zehntausende Frauen und Mädchen wurden entführt, vergewaltigt, zwangsweise repatriiert oder verübten Selbstmord. Die Provinzen Punjab und Bengalen wurden geteilt. Um das von einem Hindu-Maharadscha beherrschte, von überdurchschnittlich vielen Muslimen bevölkerte Kaschmir entbrannte mit Pakistan ein militärischer Konflikt, der bis heute schwelt und immer wieder aufbricht. Dreimal bekriegten sich die beiden Staaten. Von normalen Beziehungen zwischen ihnen kann keine Rede sein. Atomar gerüstet, belauern sie sich. Dass die VR China von Anfang an als starker Verbündeter Islamabads agiert, belastet aus Neu-Delhis Sicht zusätzlich die immer wieder in die Sackgasse geratenden Ansätze zur Aussöhnung.

An diesem 15. August wird der seit Mai 2014 amtierende Premierminister Narendra Modi traditionell die Festrede von den Zinnen des Roten Forts in Delhi halten. Er regiert mit einem Kabinett, das fast ausschließlich aus Mitgliedern seiner hindunationalistischen Indischen Volkspartei (BJP) besteht. Natürlich wird er seine Erfolge in den Vordergrund rücken. So jedenfalls offenbaren das die veröffentlichten Bilanzen. Sie listen beispielsweise riesige Fortschritte beim Straßenbau in den ländlichen Gebieten auf: 130 Kilometer pro Tag im Haushaltsjahr 2016/17 gegenüber 73 Kilometer 2011-2014. Sie konstatieren eine enorm erweiterte Nutzung von Sonnen- und Windenergie. Sie verweisen auf die Beschleunigung der Kosmosforschung, zu der auch zwei für das nächste Jahr geplante Mondexpeditionen zählen. Als ein anderes Ruhmesblatt gilt die Fortsetzung der Wirtschafts- und Finanzreformen mit der unlängst eingeführten einheitlichen Waren- und Dienstleistungssteuer als vorläufigem Höhepunkt. An die ökonomischen Wachstumsraten von nahezu konstanten sieben Prozent hat sich die Fachwelt inzwischen gewöhnt.

Dennoch wird Premier Modi nicht umhin kommen, Erfolge zu erwähnen, die unter dem Regime der heutzutage fast ein Schattendasein fristenden Kongresspartei errungen wurden, denn die von der Nehru-Gandhi-Dynastie geführte Partei war weit über 50 Jahre an der Macht im unabhängigen Indien. Unter ihrer Regie spielte Neu-Delhi in der Bewegung der Blockfreien eine maßgebliche Rolle. Dank Indira Gandhis Engagement erkämpfte das ehemalige Ostpakistan 1971 seine Unabhängigkeit als Bangladesch. Unter ihrer Führung betrat Indien uneingeladen 1974 mit dem Nukleartest den Atomklub der Großmächte. Auf das Konto der Kongresspartei gehen auch die »grüne Revolution« in der Landwirtschaft, 1975 der Start des ersten indischen Satelliten »Aryabhata« und 2013 die Marsorbitmission »Mangalyaan«. Diese Partei initiierte 1991 den Reformkurs hin zu eindeutig kapitalistischen Strukturen, zur wirtschaftlichen Liberalisierung und Öffnung zum Weltmarkt. Sie legte den Grundstein dafür, dass der »indische Elefant« heute in der ersten Reihe der Schwellenländer auf Tempo drückt.

Der Opposition bleibt es an so einem stolzen Nationalfeiertag vorbehalten, auf Schwächen, Konflikte und soziale Probleme hinzuweisen - auf das Heer von Arbeitslosen, den nach wie vor schreienden Kontrast zwischen Arm und Reich, die ungenügende gesundheitliche Versorgung. Mindestens ein Drittel der 1,3 Milliarden Inder lebt in menschenunwürdigen Verhältnissen. Der Korruption ist beileibe nicht der Garaus gemacht worden.

Unter den Hindunationalisten ist der Druck auf die Minderheiten gewachsen. Wer das kritisiert, dem wird »geraten«, das Land zu verlassen. Der anfangs schleichende Prozess des Hindutums (Hindutwa) hat Fahrt aufgenommen und der eigentlich als Kulturverein gegründete Hindufreiwilligenverband RSS stellt nun politisch die Weichen. Schlägertrupps sichern den angeblich bedrohten Status der heiligen Kuh mit Gewaltaktionen ab. Unterdessen zieht der Elefant unbekümmert seines Weges.

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