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In der Kinderstube eines Romantikers

Mecklenburg-Vorpommern: Das Geburtshaus des Malers Philipp Otto Runge in Wolgast präsentiert eine komplett neue Dauerausstellung

  • Von Martina Rathke, Wolgast
  • Lesedauer: 3 Min.

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Entlang der Bundesstraße 111 ist Wolgast in diesen Sommertagen kein gemütlicher Platz: Am »Tor zur Insel Usedom« stauen sich die Autokolonnen. Doch nur einen Steinwurf vom hektischen Lärm des Urlauberverkehrs entfernt, wenige Meter neben der Peene-Brücke in der Kronwiekstraße, scheint die Zeit stehen geblieben. Hier steht das Geburtshaus des bedeutenden Malers der Romantik in Deutschland, Philipp Otto Runge (1777-1810).

Hinter der klassizistischen Fassade dieses von solidem Wohlstand zeugenden Bürgerhauses ist das 18. Jahrhundert spürbar: Auf dem abgewetzten Öland-Granit in der Diele wird schon Philipp Otto mit seinen Geschwistern Fangen gespielt haben. Welchen Radau mag es gemacht haben, wenn die Rasselbande von elf Kindern die hölzerne Treppe in den ersten Stock hochstürmte? Was mag der als streng geltende Vater dazu gesagt haben? Noch im Vorraum stehend, startet der Besucher des Rungehauses das Kopf-Kino.

Pünktlich zum 240. Geburtstag des Künstlers am 23. Juli öffnete das Kleinod mit einer komplett neuen Dauerausstellung. Dass Originalbilder des Künstlers oder Mobiliar aus dem Nachlass gänzlich fehlen, ist kein Manko. »Das Haus ist der museale Gegenstand, und das zeigen wir«, erläutert Museumsleiterin Barbara Roggow das neue Ausstellungskonzept. Alles Authentische in dem Haus, in dem Runge seine ersten zehn Lebensjahre verbrachte und dessen Raumaufteilung über Jahrhunderte erhalten blieb, wurde sorgsam restauriert: die Türen mit den Beschlägen, die krumm-schiefen Fußbodendielen, die Fenster.

In diese Räume fügt sich nun eine moderne Ausstellung. Im Erdgeschoss kann man der Biografie des Malers nachspüren - seiner durch Krankheit gezeichneten Kindheit, seinem Drängen, Maler zu werden. Ein Berufswunsch, der vom Vater, einem Kaufmann und Reeder, abgelehnt und vom Bruder Daniel unterstützt wurde, wie Roggow erläutert.

Nachvollziehbar wird, wie sich der Maler von den Dogmen der an der Antike orientierten klassizistischen Malerei abwendete: »Wir sind keine Griechen mehr, können das Ganze schon nicht mehr so fühlen, wenn wir ihre vollendeten Kunstwerke sehen, viel weniger selbst solche hervorbringen, und warum uns bemühen, etwas mittelmäßiges zu liefern.« Das war 1802.

Im Nachbarraum hängen auf mattiertem Glas aufgebrachte Repliken von Gemälden in Originalgröße. Die Originale sind heute alle im Besitz der Hamburger Kunsthalle. Hamburg wurde Lebensmittelpunkt von Runge bis zu seinem Tuberkulose-Tod im Jahr 1810.

Die knarrende Treppe hinauf, wird es thematisch. In der ehemaligen Schlafstube der großen Runge-Kinder begegnen sich heute die beiden größten Maler der Romantik: Runge trifft auf Caspar David Friedrich (1774 bis1840), den um drei Jahre älteren, in der Nachbarstadt Greifswald geborenen Malerkollegen. Zwei unterschiedliche Persönlichkeiten mit den identischen Lebensstationen Kopenhagen und Dresden, die sich 1801 das erste Mal auf Heimatbesuch in Pommern begegneten.

Genau wie Friedrich mag Runge vom klaren Licht der pommerschen Küstenlandschaft und der Weite des Himmels beeinflusst sein, mutmaßt Roggow. Mit seinem Zeiten-Zyklus von 1803, in dem er die Tagesstimmungen allegorisch verarbeitet, nimmt Runge als erster deutscher Maler die großen Themen der Romantik auf: den Kreislauf des Werdens, Wachsens und Vergehens, die göttliche Einheit von Mensch und Natur. Bilder-Pendants vom Landschaftsmaler Friedrich machen deutlich: Trotz unterschiedlicher künstlerischer Handschrift fühlen sich beide derselben Symbolik verpflichtet.

Runge war ein Multitalent: Er schuf das erste dreidimensionale Farbsystem, mit dem er Goethe beeindruckte. Er malte das erste bürgerliche Monumentalbild. Mit dem Bild »Wir Drei« von 1805 schuf er das wohl schönste Freundschaftsbild der Kunstgeschichte, er verschriftlichte Märchen wie »Von dem Fischer un syner Fru«, das später Eingang in die Grimmschen Kunst- und Hausmärchen fand. Er schuf Scherenschnitte. Dieser Vielseitigkeit des Künstlers kann der Besucher des Rungehauses im Obergeschoss nachspüren.

Rund 10 000 Besucher empfängt das Rungehaus pro Jahr. Mit 77 000 Euro wurde das Ausstellungskonzept des Hauses nun nach 20 Jahren Museumsbetrieb überarbeitet. Das Geld für den Umbau stammt von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der Hermann-Reemtsma-Stiftung, dem Land und der Stadt. dpa/nd

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