Werbung

Wohnen im Mini-Eigenheim auf einem Campingplatz

Die aus den USA stammende Idee eine Lebens als Minimalist kam in Klosterfelde an

  • Von Jeanette Bederke
  • Lesedauer: 3 Min.

Sylvia Dreyer ist glücklich in ihren eigenen vier Wänden. Zwar hat sie nur 17 Quadratmeter und eine Hochebene zum Schlafen. Doch mehr will die 56-jährige Singlefrau auch nicht. »Ich bin leidenschaftliche Camperin und habe jetzt das, was ich immer wollte: Ein Leben in einfachen Verhältnissen mitten in der Natur und ohne zusätzliche Betriebskosten«, sagt sie. Das genießt die gelernte Finanzbuchhalterin nun in ihrem 38 000 Euro teuren hölzernen Tiny-House auf einem kleinen Campingplatz bei Klosterfelde im Barnim.

Im Internet hatte die gebürtige Hamburgerin die Mini-Häuser entdeckt. Die Tiny-House-Bewegung kommt aus den USA und findet in Deutschland bisher vor allem in Großstädten Anhänger. Der Name bedeutet »winzige Häuser«. Sie kosten zwischen 20 000 und 140 000 Euro. Von Massivbauweise über den Holzrahmenbau bis hin zu Blockhäusern ist alles möglich.

In Berlin stehen neun Mini-Häuser auf dem Gelände des Bauhausarchivs, bewohnt von knapp zwei Dutzend Enthusiasten. »Wir sind keine Ausstellung, sondern demonstrieren, dass so ein Leben funktioniert«, sagt Architekt Van Bo Le-Mentzel. Angesichts der nicht funktionierenden Mietpreisbremse und knappen Wohnraums müsse die Gesellschaft kreativ reagieren.

»Die meisten Hürden gibt es im Kopf«, meint Le-Mentzel. »Viele können sich nicht vorstellen, auf so kleinem Wohnraum zufrieden zu leben.« Auch rechtlich kann es Probleme geben, wenn man Tiny-Häuser ohne Baugenehmigung aufstellen möchte, wo es einem gerade gefällt. »Tiny-House ist eine Bewegung, die sich nicht an der Gesetzeslage, sondern daran orientiert, was die Gesellschaft braucht«, sagt der Architekt. Beispiele, in denen Mitstreiter Mini-Häuser auf eigenen Grundstücken aufstellten, kennt er aus ganz Deutschland.

Syliva Dreyer wollte nicht in der Großstadt bleiben. »Ich hatte einen Vollzeitjob und arbeitete nur, um mir meine Eigentumswohnung leisten zu können«, erzählt sie. Die Eigentumswohnung hat sie inzwischen verkauft, sich stattdessen ihr Mini-Haus aus Lärchenholz nach Maß von einer Berliner Firma bauen lassen und eine 200 Quadratmeter große Parzelle auf dem Campingplatz am Lottschesee bei Klosterfelde erworben.

Campingplatzbetreiberin Margitta Bayer will hier »eine autark lebende Gemeinschaft im Einklang mit der Natur aufbauen«. Zum Konzept der 62-Jährigen gehört nicht nur das Wohnen auf engstem Raum, sondern auch ein ressourcenschonendes Leben mit einer Gemeinschaftsküche zum Beispiel und einer Kompostiertoilette, die ohne Wasser auskommt. »Das hier ist nichts für Perfektionisten, sondern für umweltbewusste Naturgenießer«, erklärt die Betriebswirtin. Nicht mehr das Streben nach Luxus sei das erste Bedürfnis, sondern Zeit zu haben, um zu leben.

Zu den Interessenten gehört Karin Glaser, die derzeit noch einen alten Wohnwagen auf dem Gelände nutzt. Spätestens zu ihrem 70. Geburtstag Ende August will die aus Schleswig-Holstein stammende Frau ein Tiny-House in Leichtbauweise beziehen. Für Glaser ist es eine preisgünstige und mobile Alternative. »Ein Vorteil dieser Häuser ist, dass sie mit einer Breite von 2,50 Metern und einer Länge von höchstens zehn Metern auf Anhängern transportiert werden können.« Wenn ihr Umgebung oder Nachbarn nicht mehr passen, könne sie kurzerhand weiterziehen.

»Man lebt einfach viel entspannter«, resümiert Dreyer nach den ersten Wochen im Tiny-House. Für Strom hat sie eine Solarzelle auf dem Dach, zum Heizen nutzt sie Gas. Die Aussteigerin arbeitet für 400 Euro im Monat als Assistentin der Campingplatzbesitzerin. Angst vor Altersarmut aufgrund einer geringen Rente plage sie mit dem Mini-Haus nun nicht mehr, betont sie. dpa

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln