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Wissenschaftler bestreiten, dass Kinder die Sätze ihrer Muttersprache nach einer angeborenen Universalgrammatik formen. Von Martin Koch

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Für Erwachsene ist das Erlernen einer neuen Sprache in der Regel ein mühsames Geschäft. Kleine Kinder haben diese Schwierigkeiten nicht. Mit spielerischer Leichtigkeit eignen sie sich den Wortschatz ihrer Muttersprache an und erfassen deren grammatische Struktur. Der Schluss liegt daher nahe, dass der Erwerb der Sprache bzw. der Regeln der Grammatik auf einer angeborenen Fähigkeit beruht, die sich allerdings mit fortschreitendem Alter wieder abschwächt.

Vor einigen Jahren machten Wissenschaftler hierzu eine erstaunliche Entdeckung. Sie identifizierten auf dem Chromosom 7 des menschlichen Erbguts ein Gen, FOXP2 genannt, dessen mutierte Form in mehreren Generationen einer britischen Großfamilie zu erheblichen Sprachstörungen führte. Unabhängig von ihren Intelligenzleistungen waren die von dieser Mutation betroffenen Personen unter anderem nicht in der Lage, die Grammatik ihrer Muttersprache korrekt zu benutzen. In späteren Untersuchungen wurde das gleiche Phänomen auch bei Menschen anderer Familien nachgewiesen.

Offenkundig hängt die korrekte Verwendung der Grammatik von speziellen genetischen Voraussetzungen ab. Schon vor über 50 Jahren hatte der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky die These formuliert, dass Kinder aller Kulturen beim Erlernen ihrer Muttersprache ein angeborenes Grammatikmodul nutzen, welches die Möglichkeiten, einen Sachverhalt sprachlich auszudrücken, von vornherein stark einschränkt. Insbesondere die Subjekt-Prädikat-Objekt-Beziehung habe universelle Geltung, meinte Chomsky. Und selbst komplizierte Strukturen wie Relativsätze seien in allen Sprachen ähnlich. So wird zum Beispiel der deutsche Satz »Das Buch, das ich las« im Französischen analog gebildet. Im Hebräischen hingegen weicht der Satzbau geringfügig ab. Dort heißt es: »Das Buch, das ich las es.« Aber auch hier bleibt die grammatische Grundstruktur erhalten. Was man dagegen nicht findet, sind Konstruktionen wie: »Das Buch, gelesen in der Vergangenheit ich vorbei.« Dass Heranwachsende die grammatischen Regeln beinahe instinktiv befolgen und selbst kompliziert aufgebaute Sätze mühelos verstehen, galt lange als stichhaltiger Beleg für die Theorie der Universalgrammatik.

Doch trotz der hohen Wertschätzung, die Chomsky als Sprachwissenschaftler genießt, blieb seine Theorie nicht unwidersprochen. Denn sie beruht vornehmlich auf der Struktur des »Standard-Durchschnittseuropäischen«, das auch die meisten Linguisten sprechen. Untersuchungen ergaben indes, dass von den mehr als 6000 Sprachen auf der Welt nicht alle in Chomskys Schema passen. »In einigen australischen Sprachen, zum Beispiel Warlpiri, sind die grammatischen Elemente über den gesamten Satz verstreut«, heißt es in einem Artikel, den der britische Sprachforscher Paul Ibbotson und Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie unlängst in der Zeitschrift »Spektrum der Wissenschaft« veröffentlichten. Und auch in Sprachen wie Baskisch oder Urdu (Amtssprache in Pakistan) unterscheide sich die Verwendung des Satzsubjekts stark von der in vielen europäischen Sprachen.

Obwohl Chomsky seine Theorie der Universalgrammatik mehrmals revidierte, um den empirischen Tatsachen Rechnung zu tragen, hielt er daran fest, dass Kinder mit der Fähigkeit geboren werden, Sätze nach abstrakten grammatischen Regeln zu formen. Neuere Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass der Spracherwerb so nicht vonstattengeht. Vielmehr erlernen Kinder zuerst einfachste grammatische Muster, später erraten sie Stück für Stück die dahinterliegenden Regeln. Wäre dagegen die Theorie der Universalgrammatik zutreffend, dann müssten Heranwachsende in einer bestimmten Entwicklungsphase zum Beispiel bei Fragesätzen nahezu die gleichen Fehler machen. Das ist jedoch nicht der Fall. Zwar fragen Kleinkinder häufig: »Warum er kann nicht kommen?« Daneben jedoch formulieren sie andere Fragen grammatisch korrekt: »Wann kann er kommen?«

Es gebe keine zwingenden Belege, dass grammatische Strukturen angeboren seien, betonen Ibbotson und Tomasello, die als Alternative zur Theorie der Universalgrammatik die sogenannte gebrauchsbasierte (used-based) Linguistik vorschlagen. Danach ist Grammatik das Ergebnis von Geschichte und Psychologie. »Einerseits werden Sprachen von einer Generation zur nächsten tradiert, andererseits besitzt jede Generation soziale und kognitive Fähigkeiten, die ihr den Spracherwerb ermöglichen.« Anders ausgedrückt: Kinder werden mit einer Reihe von mentalen Mehrzweckmodulen geboren, die es ihnen erlauben, verschiedene Denkoperationen (Kategorienbildung, Analogieschlüsse etc.) auszuführen. Das wiederum befähigt sie, aus der Sprache, die sie im Alltag hören, grammatische Regeln abzuleiten. Für deutsch sprechende Kinder ist es zum Beispiel ein Leichtes, den Satz »Die Katze fraß die Maus« zu verstehen und durch Analogieschluss ebenso »Die Ziege kitzelte die Elfe«. Nach ausreichender Übung sind sie sogar in der Lage festzustellen, wer in dem Satz »Der Goser mibbelte die Tamo« wem etwas tat, obwohl die meisten Wörter keinen Sinn haben.

Die Theorie der Universalgrammatik widerspricht nicht zuletzt der Erfahrung, dass Kinder Sprache durch soziale Interaktion erlernen und dabei Satzkonstruktionen üben, die von der jeweiligen Sprachgemeinschaft geschaffen wurden. Dies funktioniert natürlich nicht reibungslos. Im Gegenteil. Kinder lernen sukzessive aus grammatischen Fehlern. So wäre es für ein Kleinkind zum Beispiel naheliegend zu sagen: »Ich gehte einkaufen.« Im sozialen Umgang (oder durch Erklärung) erfährt es jedoch, dass es »Ich ging einkaufen« heißen muss.

Im Kontext der gebrauchsbasierten Linguistik lassen sich auch die eingangs erwähnten Untersuchungen über das FOXP2-Gen besser einordnen. Denn dieses ist alles andere als ein singuläres Grammatikmodul. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, Proteine zu kodieren, die die Aktivität bzw. das An- und Ausschalten anderer Gene regulieren. Während der Entwicklung des Gehirns wirkt FOXP2 in zahlreichen neuronalen Netzwerken, die für den Spracherwerb von essenzieller Bedeutung sind. Sofern das Gen Schäden aufweist, ist das Erlernen der Sprache so stark beeinträchtigt, dass es den Betroffenen schwer fällt, sowohl Wörter verständlich zu artikulieren als auch grammatisch korrekte Sätze zu bilden. Es kann mithin kein Zweifel bestehen, dass unsere grammatischen Fähigkeiten auf genetisch angelegten neuronalen Strukturen beruhen. Ihre Entwicklung allerdings ist maßgeblich von den Einflüssen der jeweiligen sprachlichen Umgebung abhängig.

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