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Phenomening

Seit neuestem sind junge Menschen, die draußen gern ihr Bier trinken, potenziell politische Straftäter

  • Von Paula Irmschler
  • Lesedauer: 3 Min.

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Noch vor wenigen Jahren saßen Leute draußen rum und nannten das »draußen Rumsitzen«. Dazu tranken sie Bier, rauchten und nannten das »Biertrinken« und »Rauchen«. Es ging dabei um nichts anderes, als zusammen in der frischen Luft zu sein und sich einen reinzustellen. Vor ein paar Jahren hieß es dann plötzlich »Cornern«, wenn man bürgerlichen Medien glauben mag. Dazu jeweils die Info, dass der Begriff aus der Bronx (krass, USA!) kommt und das draußen Rumgehänge etwas ganz spektakulär Neues ist, ein Lifestyle und nun sogar eine Gefahr für den Kapitalismus.

Ich mag gar nicht den Nostalgie-Opa geben, was von bösen englischen Begriffen erzählen oder was für ein sinnliches Erlebnis das Lecken von Briefmarken und das Zurückspulen von Kassetten ist. Fortschritt ist gut, neue Begriffe entstehen. Aber Werbeheinis, Jugendportal-Autoren und Trendforscher sollen aufhören, aus Normalität ein Phänomen zu konstruieren - und sie damit nicht nur zur peinlichen Identitätsfindung, sondern auch zur Problematisierung freizugeben. Schaut man auf Instagram, wo sich die jungen Leute rumtreiben, nach dem Hashtag »Cornern«, sieht man typische Bilder vom Draußensein. Keine großen Menschenansammlungen, keine Happenings - und vor allem keine Demonstrationen. Doch der Staat wusste sich schon immer gegen Rumlungern zur Wehr zu setzen und mit dem Begriff »Cornern« hat er ein Werkzeug und Feindbild, das er beim spießigen Anwohner geltend machen kann. Das vermeintlich coole Phänomen ist jetzt Bedrohung, der Einhalt geboten werden muss, und ihm wird sogar Protestcharakter angedichtet. Angeblich hätten G20-Demonstranten in Wahrheit gecornert statt demonstriert, schreibt die »Süddeutsche« - und damit wohl den Staat zersetzen wollen, indem sie den kapitalistischen Touribetrieb lahmlegen oder so. Ein Barbetreiber wird im »Hamburger Abendblatt« zitiert: »Würden hier jeden Abend 400 Punks trinken, wäre die Polizei schon mit dem Wasserwerfer angerückt.« Die Rumlungerer, das sind nicht nur irgendwelche Hipster, die gern billiges Bier trinken, es sind potenziell politisch motivierte Straftäter, und wenn es den Tatbestand des Kneipenschmähens noch nicht gibt, dann sollte man ihn wohl schaffen. Die SPD prüft ein neues Gesetz. Die Grünen rufen nach Maßnahmen. Die Polizei begrüßt eine Befassung mit dem Thema. Hauptsache die Kids sind von der Straße weg.

Neulich saß ich draußen mit einem Freund in Neukölln, wir tranken Bier. Zunächst kam ein junger Spanier, der sich eine Zigarette schlauchte und sagte: »Super, dass ihr hier so sitzt, das ist wie bei uns in Spanien!«, dann hielt ein Busfahrer direkt neben uns, um uns zu sagen, dass wir dort lieber nicht sitzenbleiben sollten, »wisster wie viele da schon hinjepisst ham?« In Berlin ist Cornern noch nicht angekommen. Wir entschlossen uns, etwas anderes zu tun: social cocooning, also zu Hause bleiben.

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