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Indoktrination in der ökonomischen Bildung

Neue Studie untersucht, wie zweifelhafte Modelle in Standardlehrbüchern die Wirtschaftswissenschaften prägen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Arbeits-»Markt« funktioniert nach denselben Regeln wie Gütermärkte. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Auf diesem Zusammenhang von Angebot und Nachfrage, der für viele wirtschaftswissenschaftliche Modelle grundlegend ist, basiert beispielsweise die Phillips-Kurve, die von Unternehmerverbänden in Tarifauseinandersetzungen gerne herangezogen wird. Derzeit sinkt die Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union, also nimmt das Angebot an Arbeit ab. Gleichzeitig steigt im vierten Jahr der wirtschaftlichen Erholung die Nachfrage nach Beschäftigten. Im Ergebnis müsste der Preis, also der Lohn, kräftig steigen. Doch in der rauen Wirklichkeit steigen die Löhne nicht, wie es Ökonomen erwarten. Selbst in Deutschland nicht, dabei kommt die offizielle Arbeitslosenrate der Vollbeschäftigung nahe. Die EU-Kommission spricht daher von einer »lohnarmen Erholung« der Wirtschaft.

Grafiken wie die Phillips-Kurve spielen in allen Lehrbüchern, mit denen Volkswirte, Banker und Geschäftsführer ausgebildet werden, eine große Rolle. Die häufige Verwendung solch anschaulicher Modelle hält die Ökonomieprofessorin Silja Graupe sogar für ein »wesentliches Merkmal ökonomischer Standardlehrbücher«. Der Klassiker schlechthin ist das sogenannte Marktdiagramm. Mit ihm wird der Markt als Spiel von Angebot und Nachfrage erläutert. Hält nun eine mathematische und damit anscheinend objektive Argumentation Einzug in diese Lehrbücher?

Die studierte Philosophin Graupe meint, das Gegenteil sei der Fall. So seien die für ein klassisches Marktdiagramm verwendeten Zahlen für Speiseeis einem frei erfundenen Beispiel entnommen, also ein bloßes Gedankenexperiment. Das Ergebnis daraus erscheine im Lehrbuch jedoch als wahr und unmittelbar einsichtig. In der Praxis der Ausbildung an Hochschulen und Universitäten gelte sie fortan als selbstverständlich. Die angehenden Manager und Wissenschaftler würden mit ihnen über wirtschaftliche Prozesse nachdenken, »ohne je wirklich über sie nachgedacht zu haben«, so Graupe.

Die Vizepräsidentin der privaten Cusanus-Hochschule in Rheinland-Pfalz geht in einer 116-seitigen Studie der Frage nach, ob und auf welche Weise Studierende in der normalen ökonomischen Bildung indoktriniert werden. Am Beispiel der zwei Standardlehrbücher von Paul A. Samuelson und N. Gregory Mankiw weist sie eine »zumeist unbewusst bleibende Beeinflussung« nach. Dadurch würden »Frames« (engl.: Rahmen) gebildet, die Denken und Handeln beeinflussen, ohne dass man sich dessen im Berufsalltag bewusst wäre.

Ein weiterer Frame sei der Glaube an Autoritäten. Ökonomen wie Adam Smith werden in den Lehrbüchern als »scharfsinnig«, »groß« und als Pioniere vorgestellt. Grundlegende Annahmen wie die »ordnende Hand«, die den Markt regelt, würden als selbstverständliche Wahrheiten dargestellt und nicht als das, was sie sind: nämlich Glaubensfragen. So werde der Markt pauschal mit einer Freiwilligkeit des Handels gleichgesetzt.

»Macht« spielt dagegen keine Rolle. Dabei könnte gerade sie das Lohnrätsel lösen. Die Gewerkschaften in Europa sind mittlerweile zu schwach, um kräftige Lohnerhöhungen durchzusetzen. Und auch die Feststellung des Chefs der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, zur Unterbeschäftigung fehlt in Lehrbüchern: Danach kommen zu den offiziell Arbeitslosen noch 18 Prozent der Erwerbsbevölkerung hinzu, die gerne mehr arbeiten würden. So viel Nachfrage drückt den Preis.

Die Studie »Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung« kann kostenlos von der Internetseite www.cusanus-hochschule.de heruntergeladen werden.

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