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Hüter heiler Kleinwelten

Notizen aus Venedig - Abschied von einer zernagten Stadt

Heile Wohnung, kaputte Stadt, das passt auf die Dauer nicht zusammen. Aber meinem Vermieter sage ich das lieber nicht, er könnte unter der allgemein philosophischen Reflexion einen bösen Vorsatz oder zumindest sträflichen Leichtsinn seiner so aufwendig und im Detail akribisch renovierten Wohnung gegenüber entdecken. Soll ich ihm - dem Mathematik-Professor, für den alle Gleichungen im Leben aufgehen - etwa sagen: alles vergebliche Mühe, das passt eben nicht zusammen, diese hübsche Puppenstube und die vom Wasser und der Salzluft zernagte Stadt?! Lieber nicht.

Aber verschuldet habe ich hier nur eine leichtsinnig zugezogene Tür, die dann die Feuerwehr für gut zweihundert Euro Gebühr wieder öffnete. Ein Wasserschaden in der Decke kam von einer defekten Leitung in der Wohnung über mir, beschäftigt jedoch seither alle möglichen Leute, die kommen, sich von mir die Leiter anstellen lassen und Fotos vom Leck machen - für die Versicherung, für die Baufirma, als Andenken fürs Fotoalbum. Einer, der sich auskannte, seufzte: diese alten Häuser arbeiten eben!

Genau, man muss hier auf alles gefasst sein. So knallte es neulich laut im echt venezianische Lüster und es war dunkel. Überall. Erst tastete ich nach einer Taschenlampe, dann nach dem Sicherungskasten. Auf dem Hausflur fand ich gleich zwei, in beiden waren alle Sicherungen intakt. Schon befiel mich das ungute Gefühl, wieder eine Hiobsbotschaft überbringen zu müssen, da fand ich noch einen dritten Sicherungskasten gleich hinter der Wohnungstür. Als ich einen Hebel umlegte, wurde es wieder hell. So was passiert hier nun fast täglich.

Mit Sorge beobachte ich die Schlafzimmerdecke, da wölbt sich neuerdings auf unerklärliche Weise der Putz. Irgendwann wird ein großes Stück herausplatzen und dann kommen vermutlich wieder viele Leute und machen Fotos. Hoffentlich erst nach der Wohnungsübergabe. Entweder ist das die Feuchtigkeit oder die Trockenheit, oder der abrupte Wechsel von beidem - jedenfalls ist es Venedig mit seinen uralten Häusern mitten im Wasser. Noch ist es niemandem geglückt, die Außenwelt für immer auszusperren. Das Problem ist, diese Wohnung ist zu heil für eine Stadt in Wellenbewegung (um von Versinken nicht zu reden). Noch kaum sichtbare Risse ziehen sich durch den Putz - und sie werden größer.

So denke ich, leicht panisch, an alle möglichen Eventualitäten. Bloß jetzt keinen Kratzer, worauf auch immer, mehr verschulden. Wie war das doch bei Francois Sagan? Die hatte sich im Sommer in Südfrankreich ein großes altes Haus gemietet und als sie wieder abreisen wollte, da stellte sich der Eigentümer quer, weil ein Kaffeelöffel fehlte. Kein Witz. Zum Glück hatte die Sagan gerade »Bonjour tristesse« geschrieben, der ein Welterfolg wurde, und das nötige Kleingeld dabei, dem störrischen Besitzer das Haus auf der Stelle abzukaufen. Von solchen Handlungsoptionen bin ich weit entfernt.

Ja, die Traumwelt Venedigs birgt eben auch eine bedrohliche Seite. Kurz vor der Sommerpause des Fenice sah ich an einem besonders heißen Tag Bellinis Oper »La Somnambule«, ein Fest für eine russische Sopranistin und die Klimaanlage des Hauses. Die Handlung: ein Plädoyer für die (Narren-)Freiheit des Schlafwandelns. Die somnambule Hauptheldin richtet viel Chaos an, das jedoch folgenlos bleibt, weil sie ja eigentlich schläft. Die Zuschauer starrten fasziniert auf das Bühnenbild, das eine verschneite Alpenlandschaft zeigte. Man fuhr Ski in dicken Pullovern. Ein echt venezianischer Sommernachtstraum.

Wenn ich wieder in Berlin bin, dann sehe ich mir als erstes den »Partyschreck« von Blake Edwards mit Peter Sellers an. Den Film hatte ich einmal für eine nervige Albernheit befunden und aussortiert, aber dann wieder - wie es neudeutsch heißt - in den »Kanon« zurückgeholt. Mit offenbar richtigem Instinkt. Es ist die ziemlich traurige Geschichte von jemandem, der völlig unverdientermaßen zu einem unvorteilhaften Ruf kommt. Hrundi V. Baksi, ein indischer Komparse in Hollywood, hat versehentlich bei einem Westerndreh ein Munitionslager in die Luft gejagt, dafür will ihn der fassungslose Regisseur beim Produzenten auf die schwarze Liste setzen lassen. Aber durch ein Versehen gerät sein Name stattdessen auf die Gästeliste einer großen Party beim Produzenten. Dort ereignen sich dann jene Verwüstungen, die aus kleinsten Anlässen resultieren. Falsch gedrückte Knöpfe etwa können ungeahnte Folgen haben. Jedenfalls ist aus der Produzentenvilla am nächsten Morgen ein Trümmerhaufen geworden.

Kürzlich las ich Alfred Kerrs Notizen über Venedig. Der Virtuose der vernichtenden Kurzsätze kultivierte plötzlich merkwürdig mäandrierende Satzschlaufen, zusammengehalten nur von einer Reihe von Semikolons, etwas, das es bei Kerr sonst - also in Berlin - nicht gibt. Diese Zeichen ähneln schon rein äußerlich den eisernen Mauerhaken, die draußen an meinem Haus die auseinander klaffenden Fugen zusammen halten sollen: »Ich bin ein alter Venezianer, völlig ausgepicht; es kommt gegen diese Stadt nichts auf. ... Venedig gebiert tausend Träume, jeden Abend, unsterbliche, jeden Morgen, jede Stunde. In der Trauer; im Zerfall; in der Sehnsucht; in zerbröckelnd entrinnender Totenanmut.«

Was ich eigentlich nur sagen wollte: Ich drücke hier jedenfalls keinen Knopf mehr.

Gunnar Deckers »Notizen aus Venedig« der Vorjahre sind im Buch »Venedig für Skeptiker« erschienen (Ornament-Reihe des Quartus-Verlages, 168 S., 16,90 Euro) und erhältlich im nd-Shop, Tel.: (030) 2978-1777.

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