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Anfragen statt Ansagen

Schalkes neuer Trainer feiert beim 2:0 gegen Leipzig einen gelungenen Einstand

  • Von Andreas Morbach, Gelsenkirchen
  • Lesedauer: 4 Min.

Eine Sache stellte Christian Heidel gleich zu Beginn klar. »Ich habe schon ein Bier getrunken, aber ich bin nicht betrunken«, erwähnte der Schalker Manager nach dem gelungenen Ligastart gegen Vizemeister Leipzig - und dachte zurück an den eigenen Einstieg bei den Königsblauen, ein Jahr zuvor. Damals gab es ein 0:1 gegen Frankfurt, weitere vier Niederlagen folgten, der Fehlstart unter dem ebenfalls neuen Trainer Markus Weinzierl war perfekt. »Und jetzt das erste Spiel gegen RB. Das ist keine so schlechte Mannschaft, da kam vorher schon mal der Gedanke auf: Das kann man auch verlieren«, berichtete Heidel, der nach dem 2:0 nun gestand: »Die Erleichterung ist groß.«

Schließlich ist in Gelsenkirchen mit Domenico Tedesco gerade wieder ein frischer Trainer am Werkeln - der mit der Absetzung von Klubinstitution Benedikt Höwedes als Kapitän zuletzt zudem eine recht unpopuläre Personalentscheidung traf. Der 31-jährige Tedesco erklärte Höwedes’ Platz auf der Reservebank unter anderem mit dem Trainingsrückstand des Weltmeisters, ehe er weiter ausführte: »Für die Art, wie er trotzdem auf die Mannschaft einwirkt, braucht er keine Spielführerbinde.« Und die Schalker Fans feierten dazu eine krachende Party - in der Hoffnung, nicht um ein Strohfeuer herumgetanzt zu sein.

»Für manche sind wir wahrscheinlich schon wieder deutscher Meister«, witzelte Heidel, machte der königsblauen Anhängerschaft aber zugleich Mut mit seinem Hinweis zur jüngsten Trainerauswahl: »Mein Gefühl sagt mir: Er passt zu dieser Mannschaft.« Zur Unterstützung seiner These erzählte der Manager ein bisschen aus dem Alltag, von Tedescos Umgang mit dem Team. Da stünden also keine Ansagen im Vordergrund, sondern Anfragen - bei den Profis. »Wenn er über Taktik spricht, ist es für ihn total wichtig, dass die Spieler nicht nicken oder einnicken. Stattdessen fragt er sie: Wie lösen wir das Problem?«, sagte Heidel.

Das intensive Miteinander lebte der schmale Übungsleiter auch bei seiner Bundesligapremiere vor. Schon lange vor dem Anpfiff stand er in der Coaching Zone, wartete geduldig auf seine Trainerkollegen und die Ersatzspieler - und drückte dann jeden Einzelnen von ihnen so fest an seine Brust, als ginge er gleich auf eine dreijährige Weltreise. »Er hat eine hohe Sozialkompetenz, sucht mit allen das Gespräch. Danach sehnt sich der eine oder andere Spieler«, kommentierte Schalkes Mittelfeldantreiber Leon Goretzka.

Darüber hinaus ist Tedescos Positivismus offensichtlich ansteckend: Nach seinem Elfmetertor zum 1:0 kurz vor der Pause jagte Nabil Bentaleb in 10,5 Sekunden quer über den Platz, um die Führung mit Torhüter Ralf Fährmann, dem neuen Kapitän, zu bejubeln. Nach dem entscheidenden zweiten Treffer durch Jewhen Konopljanka stürmte Bentaleb dann gemeinsam mit Neuzugang Bastian Oczipka Richtung Trainerbank, wo Tedesco die beiden ausgelassen in den Schwitzkasten nahm. Und kurz nach dem Abpfiff versammelte der Deutsch-Italiener seine Spieler schon wieder im Kreis, wo er mit entschlossenem Blick und leidenschaftlichen Worten auf sie einredete.

»Ich habe vieles gesagt, aber nichts korrigiert. Sondern meiner Freude einfach freien Lauf gelassen«, berichtete Tedesco später. Spaß mache ihm zum Beispiel, dass Neuzugänge wie Oczipka oder Amine Harit, der das 2:0 in bestechender Manier vorbereitete, sofort zu den Besten gehörten. Oder die charakterliche Wandlung des Ukrainers Konopljanka. Nach seiner enttäuschenden ersten Saison fiel der 27-jährige Offensivspieler noch durch deftige Kritik an Trainer Weinzierl auf, gegen Leipzig rackerte er nun wie alle anderen auch in der Defensive.

Die naheliegende Story vom genialen Matchplan, mit dem die Überflieger der Vorsaison immer wieder ins Leere laufen gelassen und so letztlich in die Knie gezwungen wurden, relativierten die Sieger allerdings entschieden. »Wir haben den Spielplan bis ins Detail umgesetzt. Aber das ist nur das eine, das andere ist die Mentalität. Da war sich keiner zu schade, für den anderen zu kämpfen«, analysierte Keeper Fährmann. Ganz im Sinne von Domenico Tedesco, der fand: »Dieser Erfolg geht nicht auf die Kappe des Matchplans. Das war ein Sieg des Willens - da hätten wir auch mit einem 5-5-0-System spielen können.«

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