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»Gehirnwäsche« durch Imam?

Katalanen suchen nach Erklärungen für Radikalisierung der jungen Terroristen

  • Von Ralf Streck, San Sebastián
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Mossos d’Esquadra, die katalanische Polizei, hat mitgeteilt, dass der 22-jährige Younes Abouyaaqoub allein am vergangenen Donnerstag den Lieferwagen im mörderischen Zickzackkurs über die »Ramblas« steuerte. Dabei waren 13 Menschen in der katalanischen Metropole getötet und mehr als 100 zum Teil schwer verletzt worden.

Abouyaaqoub ist einer der drei islamistischen Terroristen, nach denen gefahndet wird. Er könnte sich über die nahe Grenze nach Frankreich abgesetzt haben, weshalb die Fahndung auf ganz Europa ausgedehnt wurde. Vermutet wird, dass er für ein 14. Opfer verantwortlich ist. Nach dem Anschlag in der Fußgängerzone war mit einem Auto eine Straßensperre durchbrochen worden. In dem Fahrzeug war später der Katalane Pau Pérez erstochen aufgefunden worden. Der katalanische Innenminister Joaquim Forn hat den Zusammenhang bestätigt. Pérez wurde vermutlich von Abouyaaqoub erstochen, um an einen Fluchtwagen zu kommen.

Gefahndet wird auch noch nach dem mutmaßlichen Kopf der Zelle. Gemeint ist der Imam der Kleinstadt Ripoll, aus der der flüchtige Abouyaaqoub und andere stammen, die am Donnerstag südlich Barcelonas in Cambrils erschossen wurden. Die fünf Islamisten hatten nach Angaben der Mossos auf der Strandpromenade eine massive Messerattacke verüben wollten, was verhindert wurde.

Dem 42-jährigen Imam Abdelbaki Es Satty wird nicht nur bei der Durchführung, sondern auch für die Radikalisierung der jungen Attentäter eine zentrale Rolle zugeschrieben. Die Polizei geht aber immer stärker davon aus, dass er in einem Haus in Alcanar beim Bombenbau in der Nacht vor den Anschlägen am Donnerstag ums Leben kam. Geplant gewesen sei, mit 120 Gasflaschen auch mehrere Bomben zu zünden. Dort wurden Reste von drei Personen gefunden und Polizeichef Josep Lluís Trapero hatte am Sonntag auf einer Pressekonferenz erklärt: »Von den drei Personen, nach denen noch gefahndet wird, waren zwei mit fast vollständiger Sicherheit in Alcanar.«

Die Moscheebetreiber in Ripoll fragen, warum sie nicht informiert wurden, dass der Marokkaner wegen Drogenhandels bis 2012 im Gefängnis saß. Er war spätestens seit 2003 den spanischen Sicherheitskräften als radikaler Islamist bekannt. Er war angeklagt, Selbstmordattentäter für den Kampf in Irak angeworben zu haben. Deshalb hätte er kein Imam in Ripoll werden dürfen. »Er wäre hier nicht reingekommen«, erklärte der Präsident der islamischen Gemeinde in Ripoll, Ali Assid.

Aufgefallen sei Satty in der Moschee nicht durch radikale Reden. Trotz allem machen Eltern und Angehörige der jungen Terroristen ihn verantwortlich. Der habe ihre Söhne einer »Gehirnwäsche« unterzogen oder »verrückt« gemacht, erklären sie und distanzieren sich von den Anschlägen, die nicht in ihrem Namen ausgeführt worden seien. Fast alle in Ripoll sind konsterniert und können sich nicht vorstellen, wie scheinbar integrierte Jugendliche zu solchen Taten fähig waren. Dass die Radikalisierung der jungen Leute »in nur zwei Monaten« geschah, wie die Zeitung »El Mundo« behauptet, also unter dem Radar der Sicherheitskräfte blieb, ist ein Märchen. Denn die Anschläge wurden mehr als sechs Monate in Alcanar vorbereitet. Zeugen in Ripoll haben bestätigt, dass sich die jungen Leute seit Langem außerhalb der Moschee mit dem Imam versammelt hatten. Doch auch der Imam, der erst seit 2016 in Ripoll war, kann nicht dafür herhalten, dass einer der Attentäter schon 2015 öffentlich im Internet erklärte, »alle Ungläubigen« umbringen zu wollen.

Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont wollte zu dieser Frage nicht spekulieren. Es müsse ausgiebig untersucht werden, wie dies in einer Kleinstadt mit 11 000 Menschen geschehen konnte und nicht in einem anonymen französischen oder belgischen Vorortghetto. Eine »besondere Radikalisierung«, wie sie einige Experten in Katalonien ausmachen wollen, wies er zurück. 200 000 Marokkaner lebten normal in Katalonien. »Es ist ungerecht, über ihnen einen Schatten aus Zweifeln und Verdacht auszubreiten.«

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