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Hotel mit Multikultiaufschlag

Einst Bürohaus, Kaufhaus, Club: Jetzt zieht der Luxus ins Eckgebäude am Oranienplatz ein

  • Von Jan Schroeder und Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.

Zwei Frauen in Kapuzenpullis und Sneakern hängen vor dem Eckgebäude am Oranienplatz ein Protestplakat auf. Die »grenzenlose Freiheit und Geborgenheit«, mit der das am Montag eröffnete Luxushotel Orania auf seiner Internetseite wirbt, wollen sie in Kreuzberg nicht haben. In dem Multikultikiez steigen nicht nur seit Jahren die Mieten, jetzt steht hier auch eines der teuersten Hotels Berlins.

Das Eckgebäude am Oranienplatz ist 105 Jahre alt. Einst war es Bürohaus mit Café im Erdgeschoss, Hotel, Warenhaus, Club. Im Erdgeschoss war zuletzt ein Supermarkt untergebracht. Lang stand das Haus leer, 2008 erwarb der Münchener Anwalt Dietrich von Boetticher das Gebäude, ab und zu wurden dort Ausstellungen gezeigt. Seit 2014 ist Dietmar Mueller-Elmau damit beauftragt, aus dem Haus wieder ein Hotel zu machen. Mueller-Elmau betreibt bereits in Bayern ein Fünf-Sterne-Luxushotel.

Die Umbauarbeiten sind mittlerweile abgeschlossen und die Zimmer eingerichtet. Seit Montag können Gäste einchecken - immerhin ein Zimmer wurde nach Angaben der Sprecherin Nora Durstewitz in der ersten Nacht gebucht. »Wir passen gut hierher«, sagt Durstewitz. »Wir sind genauso unangepasst wie Kreuzberg« - und verweist auf das kulturelle und vor allem musikalische Angebot im Haus. Ab September soll es Konzerte geben, die für die Restaurantbesucher kostenlos seien.

41 Zimmer hat das Hotel, die kleinsten mit 17 Quadratmetern kosten 95 Euro inklusive Frühstück. Eine Suite von 136 Quadratmetern kostet 990 Euro. Den Preis für die größte Suite von 354 Quadratmetern gibt es nur auf Anfrage. Einige Zimmer haben laut Internetseite einen »atemberaubenden Blick« auf den Oranienplatz. Dort können die Gäste kleine Kinder beobachten, die auf einem Brunnen turnen, Lieferfahrer mit Rädern, die am Oranienplatz auf Aufträge warten, und Obdachlose, die auf den Bänken schlafen. Im Winter, wenn die Bäume keine Blätter haben, werden die Hotelgäste auch von oben in das dachlose Klohaus blicken können.

Nicht erst seit Montag hängen am Oranienplatz Protestplakate. »Früher haben wir noch Steine geworfen«, steht auf einem. Ob sich das Hotelpersonal dadurch bedroht fühlt? »Wir beziehen das nicht auf uns«, sagt Durstewitz.

Anfang August hatten die Betreiber Anwohner eingeladen, sich ein Bild vom Innern des Hotels zu machen. »Wir wollten uns bedanken, dass sie den Baulärm so lange ausgehalten haben«, sagt Durstewitz. Auch die Nachbarschaftsinitiative Bizim Kiez wollte sich das Hotel anschauen. »Wir kamen aber nicht rein. Nur geladene Gäste waren willkommen«, sagt Mitglied Magnus Hengge. Davon, dass das Hotel so »unangepasst« sei wie der Stadtteil selbst, will Hengge nichts wissen. »Die Hotelbetreiber nutzen die jahrzehntelang gewachsene Kultur im Kiez nun einfach für ihr ›Branding und Marketing‹ aus.«

Passanten sehen im Hotel nicht das größte Problem. »Solange die nicht die Essensbude um die Ecke zumachen, kann hier ruhig ein teures Hotel hin«, meint Sertan Boz. Der Kreuzberger sieht die Gentrifizierung und steigenden Mieten mit Besorgnis, findet aber, dass hier jeder hinziehen darf - auch ein teures Luxushotel. Ob mit dem Protest gegen den Betrieb die Gentrifizierung aufgehalten werden kann, bezweifelt auch Thomas Mrasek. Er ist selbst zugezogen und hält das Hotel nur für ein Symptom für die »freie Marktwirtschaft, an der wir alle beteiligt sind«.

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