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Für Chaos, gegen Zerstörung

Gewendete Lyrik: Dichter aus der DDR im Gespräch

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Wie kann man sich sicher sein, was man übermorgen denken wird - wo man sich doch nicht mal sicher sein kann, was man vorgestern dachte? Es bleibt eine der grandiosen Einladungen, die das Leben auszusprechen vermag: plötzlich im Ungewissen zu sein über die Dinge, mit denen man sich bislang so sehr vertraut glaubte. Standpunktbeharrung ist die langweiligste Form der Sesshaftigkeit. So hat es also sein Logik, dass Sibylle Goepper und Cécile Millor für ihr Buch »Lyrik nach 1989 - Gewendete Lyrik« mit sieben Dichtern und fünf Dichterinnen gesprochen haben, und zwar, wenn der Tod nichts einzuwenden hatte (er hatte es bei Adolf Endler, Karl Mickel und Wolfgang Hilbig) - zweimal. Gespräche mit Schriftstellern aus der DDR, jeweils 1994 und dann noch einmal über zehn Jahre später. Erkundungen über das Schreiben, über Bruch und Kontinuität, über Deutschland und die Welt. Darüber, wie DDR-Literatur nach der Wende »auf die Abschussliste« (Wolfgang Hilbig) kam, darüber, wie der Markt rücksichtslos in Biographien wühlte. Oder auch wohlwollend warb.

In den Erzählungen von Jan Faktor und Bert Papenfuß wird noch einmal das bunte, bittere, bebende und behagliche Boheme-Biotop von Berlin-Prenzlauer Berg lebendig, jenes zynische Wettspiel des Politischen: Wer unterwandert wen besser - die Texte der Anarcho-Poeten den Überbau oder die Berichte der Stasi den Untergrund? Adolf Endler denkt über die Links-Rechts-Schnittstellen avantgardistischen Denkens nach und benennt, was ihm an Bürgerrechtlern komisch vorkam: »diese moralische Abgehobenheit, dieser Anspruch sozusagen, die Maßstäbe zu haben«. Katja Lange-Müller empfindet den Begriff der friedlichen Revolution als »Unsinn«; sie spricht über jenes Gewaltsame, ohne das ein Umsturz nicht möglich ist, »ich bin für Chaos, aber gegen Zerstörung«. Uwe Kolbe über den Westen: Lachhaft seien die Anschuldigen gegenüber »dem sogenannten Schweinesystem. Es ist ein unheimlich dynamisches System, dessen Vorteile man doch bitte nutzen kann, wo und wie auch immer.«

Was diese Schriftsteller bewegt, erschließt uns Leerräume des Bewusstseins, zugleich räumt die Reflexion im überfüllten Bewusstsein auf - beides stärkt das Zentrum des geistigen Selbstverständnisses. So unterschiedlich die Autoren ihr Leben führen und bedenken, so eindeutig strahlt aus dem Buch ein klares Bekenntnis zur Unwägbarkeit der Existenz. »Ich bin mit der Ebene der Politik am Ende, ich brauche sie nicht. Basta!« Sagt Elke Erb. Mehrfach in den Interviews geht es gegen diese öde Aufgebrachtheit der Debatten, der Diskurse, des Dafür und Dagegen in den »Furz-Duellen der linken und rechten Parteien und ihrer Leitartikler« (wie es Sarah Kirsch mal formulierte). Nur immer vom notwendigen Sieg der Vernunft über den Schmerz zu sprechen, so sagen die Poeten, hat etwas Verkehrtes. Die Vernunft will leider nicht, dass Leben weh tut. Es tut aber weh. »Die ganze Menschheitsgeschichte besteht aus Katastrophen. Dass sie zufällig (auch) zu meinen Lebzeiten stattfinden, darf mich beim Schreiben nicht so berühren«. Sagt Karl Mickel.

Richard Pietraß empfand in der DDR den Kommunismus als »Deckmantel« der Mächtigen, »sie haben das Volk verachtet und geglaubt, sie könnten es im Status eines Arbeitslagers halten«. Kerstin Hensel beharrt darauf, »die Ideen, Phänomene und letztlich das Scheitern des Sozialismus aus der Geschichte zu verstehen«. Mickel erzählt von »DDR-Deutschen, die beim Fußball sitzen, Bier trinken und ihre Väter darum beneiden, dass sie in der Ukraine junge Mädchen an den Galgen hängen konnten«.

Elke Erb spricht vom »politischen Totalitarismus«, von der »Impotenz« der DDR, und Bert Papenfuß, der Anarchist, sagt entschieden: »Ich habe keine Nostalgie der DDR gegenüber. Ich freue mich jedes Mal, wenn ein Staat ins Gras beißt« - jetzt meint er mehr als nur den Schrebergarten von damals. Und da ist Gabriele Stötzer aus Thüringen: »Die Marx-Engels-Lehre hat mir schon geholfen, indem sie gesagt hat, dass die Arbeiterkinder die neue Kraft sind.« Das Arbeiterkind lernte diese neue Kraft bald kennen: Solidarität mit Biermann bringt ein Jahr Gefängnis. Und die Erkenntnis: »Der Sozialismus ist eine Kopfgeburt, die den Menschen nicht leben lässt.« 1988 war Stötzer Mitbegründerin der Initiative »Frauen für Veränderung«. Reformarbeit. Wieder Observation. »Der Osten hat mich vorsichtig gemacht, weil ich mich schützen musste, ohne feige zu sein.«

Kathrin Schmidt erzählt von ihrem Vater, der zur Zeit der sowjetischen Militäradministration zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde und zehn Jahre hinter Bautzener Gittern leben musste, »ich habe diese ganze Geschichte erst erfahren, als ich erwachsen war«. Über die »führenden Genossen« sagt sie: Zu lange »hatte ich dieses beschissene Mitleid mit ihnen, weil sie während des Dritten Reiches in Haft gesessen und ganz sicher mehr erlitten hatten als ich. Mitleid ja, aber nicht Wut. Noch nicht.«

Das Widersprechen, so Kerstin Hensel, mache noch kein Gedicht. »Dichten ist mehr als powern gegen die Gesellschaft.« Die Dichter, die Dichterinnen dieses Buches sprechen über die vielen Gründe für das Schreiben; für den einen ist es eine Buße, für die andere ein Selbstgericht, es ist vorbeugende Maßnahme oder Spaß, radikaler Vorstoß oder rigoroser Rückzug, Signal von Übermut oder fehlenden Mut - es ist alles Mögliche, nur eben nicht Propaganda oder Meinung oder Statement. Und vor allem »kein Kniefall vor den Ereignissen« (Wolfgang Hilbig).

Das Buch bietet an, soziologisch gelesen zu werden, in der Art der vergleichenden Wissenschaft. Zu betrachten wären Generationen, Geschlechter, Geschäftsfähigkeiten im Bücherbetrieb. Aber das Lehrreiche ist immer ein bisschen auch das Langweilige. Lohnender ist für mich das Andere: Dichter kennenlernen als Beispielwesen - wir überschreiten im Denken Horizonte und haben darin doch gleichzeitig das Grab, das uns den Zugriff auf letzte Wahrheiten verwehrt. Denken ist Öffnung zur Wirklichkeit - und bildet ebenso die Grenze, die wir tief in uns gegen das Außen errichten. Im Denken kommen wir unaufhörlich - im wahren Sinn des Wortes - zur Welt, doch wir kommen nirgends an. Dem Gewinn dieses Konflikts gibt sich dieses Buch ganz hin. Das Reich des Geistes hat viele Wohnungen für diejenigen, die mit Fantasie Vergeltung üben wollen an der Wirklichkeit und den Ohnmachtserfahrungen in ihr.

Also: Dichtern zuhören - und sich dabei oder danach anlocken lassen vom Wesentlichen: ihren Gedichten. Da, im Bücherregal: Wolfgang Hilbig. »was keiner je ahnte die gottheit bringt/ so haben auch wir es erfahren/ zum lachen das mittel das unglück erringt -/ zum zwecke des spiels das wir waren.«

Sibylle Goepper, Cécile Millot: Lyrik nach 1989 - Gewendete Lyrik. Gespräche mit deutschen Dichtern aus der DDR. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale)., 494 S., brosch., 19,95 €.

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