Werbung

Fassungslos verantwortungslos

»UnberechenB€R - Das verrückte Flughafenspiel« soll Diskussionen anregen. Ein exklusiver Test

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Und immer wieder der Brandschutz. Mal entsprechen die dafür eingebauten Wände nicht den Sicherheitsvorschriften, mal entpuppen sich die Brandschutzexperten nicht als Sachverständigen für den Bereich. Pannen wie diese haben den Baufortschritt am künftigen Hauptstadtflughafen BER immer wieder verzögert - und das größte Bauprojekt Berlins zum Witz weltweit gemacht.

Jetzt kann aber jeder dabei helfen, den Flughafen fertigzustellen. In nur 45 Minuten sollen nicht nur die Terminals und Rollfelder, auch die Feuerwehr und der Besucherparkplatz gebaut werden: in einem Spiel.

Philipp Messinger und Bastian Ignaszewski wohnen in Bohnsdorf, einem Stadtteil von Treptow-Köpenick. Bohnsdorf liegt an der Grenze zu Brandenburg, in unmittelbarer Nähe zu Schönefeld. »Mit dem Flughafen sind wir groß geworden«, sagt Ignaszewski. Auch die BER-Baustelle haben sie im wahrsten Sinne des Wortes immer direkt vor der Nase. »Das Thema ist immer irgendwie da«, sagt Ignaszewski weiter. »Ein Thema, das viele Leute hier betrifft und bedrückt.«

2012 hätte der BER eröffnen sollen. Nur wenige Wochen vorher wurde der Termin verschoben. Fünf Jahre später ist noch immer unklar, wann tatsächlich einmal Passagiere vom BER abfliegen werden. »Die Verantwortungslosigkeit macht einen fassungslos«, sagt Ignaszewski und ist damit bereits mitten drin im Spiel, zu dem ihm vor zwei Jahren die Idee kam. Gemeinsam mit dem Mediengestalter Messinger, mit dem er sich bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bohnsdorf engagiert, entwickelte der Verwaltungswissenschaftler das Konzept für »UnberechenB€R - Das verrückte Flughafenspiel«.

Ziel ist es, den BER fertigzustellen. »Im Gegensatz zur Realität wird der fertig«, sagt Ignaszewski und weist sicherheitshalber darauf hin, dass das ganze satirisch gemeint ist. Im Spiel sollen so viele Steuergelder wie möglich verprasst werden. »Geld spielt keine Rolle« lautet das Motto. Acht Teilprojekte müssen in mehreren Schritten fertiggestellt werden. Je nach gewürfelter Augenzahl zieht der jeweilige Spieler eine Ereigniskarte, ein sogenanntes ErgebnisLos, oder darf einen Schritt weiterrücken. Landet er auf einem Feld mit einem V, zieht er ein VerantwortungsLos. So kommt es immer wieder zu Unterbrechungen der Bauarbeiten: Der Chef des Aufsichtsrats tritt zurück, da fließen zehn Millionen Euro in den Champagner. Ein paar hundert Bäume wurden falsch gepflanzt und sollen ausgerissen werden. Auch das kostet zehn Millionen Euro. Die Fenster lassen sich bei über 20 Grad nicht mehr öffnen und schließen, weshalb die Elektromotoren ausgetauscht werden müssen, das kostet noch einmal 30 Millionen Euro.

»Wir haben nichts gegen den Flughafen«, sagt Messinger. »Schließlich haben wir jetzt Spaß mit unserem Spiel.« Viele Entwürfe haben die Erfinder verworfen, nach Probespielen mit Freunden viele Ideen umgeschmissen und neue entwickelt. »Noch hat sich keiner gelangweilt.« Tatsächlich ist Lachen fundamentaler Bestandteil des Spiels.

Lustig machen wollen sich die beiden über die Pannengeschichte aber nicht. Ignaszewski sagt: »Wir wollen Diskussionen darüber anregen, was am BER eigentlich passiert und die Verantwortungslosigkeit der Akteure vor Augen führen.«

Deshalb hat Ignaszewski lange die Geschichte des Flughafens recherchiert: Die Ereignisse beruhen auf tatsächlichen Zwischenfällen. Nur mit den Kosten übertreiben die Spielemacher ein wenig - zwecks satirischer Überspitzung. Hinweise auf den Spielkarten verweisen auf entsprechende Medienberichte oder Parlamentarische Anfragen, die auf der Internetseite zum Spiel verlinkt sind.

So können sich die Spieler nicht nur über die dicken Stapel an Quittungen für verprasste Millionen freuen, die sich im Laufe des Spiels vor ihnen auftürmen. Gleichzeitig werden sie an die Pannen der vergangenen zehn Jahre erinnert: Eine Planungsfirma für die Brandschutzanlage meldete Insolvenz an, Rolltreppen waren angeblich zu kurz bestellt worden, der Planer der Entrauchungsanlage entpuppte sich als Technischer Zeichner. Geheime BER-Akten wurden in einem Mülleimer gefunden.

Am Wochenende gehen Ignaszewski und Messinger manchmal zur BER-Baustelle und schießen Fotos. Messinger stellte dabei kürzlich fest: Nicht alle wissen, dass der Flughafen noch gar nicht eröffnet hat. »Ein Taxifahrer hat einen Touristen vor dem Hauptgebäude abgesetzt. Bevor der gemerkt hat, dass er der einzige Besucher war, war das Taxi schon weg.«

Ab Mitte September soll das Spiel zu kaufen sein. Vorbestellungen werden bereits angenommen.

UnberechenB€R - Das verrückte Flughafenspiel kostet 29,90 Euro und ist zu beziehen über die Internetseite flughafenspiel.de.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!