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Unser vorbildlicher Umgang mit rechter Gewalt

Roberto J. De Lapuente über den doppelten Standard als Waffe des zeitgenössischen Moralisten

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach dieser hanebüchenen Stellungnahme von US-Präsident Trump konnte man tatsächlich nur mit dem Kopf schütteln. Der Eindruck bestärkte sich, dass da einer mächtige Wahrnehmungsprobleme, ja unter Umständen was am Sträußchen hat. Ja, natürlich war das mal wieder ein Skandal. Wie kann es bitte sein, dass der erste Mann seines Staates sich hinstellt und rechtsextreme Gewalt leugnet, obgleich es Bilder und Mitschnitte genug gab, die diesen Umstand als Fakt darlegten? Das ist fürwahr skandalös. Und dass die breite Medienlandschaft das dann auch genau so eingestuft hat, ist völlig richtig. Donald Trump ist ein Präsident der Rassisten und Hetzer. Und dass er das ist, damit kokettiert er gerne.

Bei uns geht es da schon ein bisschen zivilisierter zu. Mit solchen Attributen würde hier kein Politiker glänzen wollen – ja, selbst unsere Rassisten leugnen noch, dass sie welche sind. Wenn rechtsextreme Gewalt dann doch offenbar wird, leugnet man sie nicht, man packt Plattitüden aus, spricht von »rückhaltloser Aufklärung«, »Nie wieder!« und »Verantwortung vor der Geschichte«. Nach Aufdeckung des NSU solidarisierte sich das gesamte öffentliche Leben mit den Hinterbliebenen jener Opfer, die dieselbe Öffentlichkeit vorher noch als schweigsame Mitwisser in einer Serie von »Döner-Morden« betrachtete. Aber immerhin, als dann die Wahrheit ans Licht kam, schob man sie nicht weg – man stellte sich der Realität.

Das berechtigt natürlich dazu, dass man von »Spiegel« bis FAZ, von »Stern« bis zur »Bild«, die neulichen Geschehnisse in den Vereinigten Staaten als ganz großen Skandal behandelte. Deutschland mache es doch schließlich vor, wie man mit dieser Gewalt umgeht. Es leugnet nicht, es thematisiert. Bei Frau Merkel wäre es doch unvorstellbar gewesen, dass sie sich hingestellt und gesagt hätte, sie zweifle an, ob die Sache mit dem NSU richtig sei - vielleicht hätten sich ja Linksextreme als Nazi-Trupp verkleidet … Kurzum, wir sind da moralische Instanz, können uns über Herrn Trumps Ausflüchte sittlich erheben. Wie man mit einer solchen Gewalt umgeht, das lernt man hier, auf ehemals braunem Boden.

Nun gut, vielleicht sollten wir nicht zu laut moralisieren. Denn nach vier Jahren geht der NSU-Prozess dem Ende entgegen. Resultat: So gut wie nichts. Die Erkenntnisse sollen teilweise für 120 Jahre weggesperrt werden. Unsere Generation wird somit nie erfahren, wie sich diese rechte Gewaltgruppe so lange halten konnte und weshalb die Polizei in Luftlöcher hineinermittelte. Die ganzen Umstände der Ergreifung waren schleierhaft, statt Spurensicherung schien ausgerechnet an diesem Tag das Prinzip Spurenverwischung zu gelten. Hernach verschwanden auch noch Papiere und Zeugen starben dummerweise genau immer dann, wenn man sie brauchte.

Man hat den Hinterbliebenen öffentlich Gerechtigkeit geschworen. Die Bundeskanzlerin und der damalige Bundespräsident spielten sich als Anwälte des Anstandes auf. Seither hat man von diesen zwei Protagonisten nichts Kritisches mehr zum Umgang mit dem NSU gehört. Sie haben damit abgeschlossen, der NSU ist schließlich auch kein tagespolitischer Aufhänger mehr und speziell für die Kanzlerin gilt: Mit so einem Thema macht man keinen Wahlkampf, mit so einer negativen Sache verliert man nur Prozentpunkte. Und der ehemalige Bürgerpräsident hat momentan auch andere Sorgen, was man so liest: Er richtet auf Steuerzahlerkosten sein Büro neu her. Wegen Renovierung geschlossen!

Weil Trump die Geschehnisse von Charlottesville nicht verurteilte, sprach man von einem Skandal. Was ja nicht falsch war. Wie aber in Deutschland rechte Gewalt verschleiert wird, das ist dann für die Moralisten des Moments schon weniger skandalös. Wieder mal so ein doppelter Standard. Der geht momentan richtig gut. Ob jetzt bei Putin oder wie neulich, als bei »Spiegel Online«der Sozialabbau in Ungarn verurteilt wurde, der in vielen Details ein bisschen an Hartz IV erinnerte: Der doppelte Standard ist die Waffe des zeitgenössischen Moralisten. Ohne ihn könnte er nicht bestehen, weil er dann über sich selbst richten müsste. Selbstkritik liegt momentan aber leider nicht im Trend. Und dem Besen, mit dem man vor der eigenen Haustür kehrt, sind die Borsten ausgefallen.

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