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»Am Malecón habe ich vor Freude geweint«

Die US-amerikanische Anthropologin, Autorin und Filmemacherin Ruth Behar im Gespräch über ihre Beziehung zu Kuba

  • Von Andreas Knobloch
  • Lesedauer: 5 Min.

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Was hat Sie diesmal nach Kuba geführt, Frau Behar?
Dieses Mal bin ich mit CubaOne hier, einer Stiftung aus den USA, die junge Kubano-Amerikaner, allesamt Anfang zwanzig, die noch nie auf Kuba waren, auf die Insel bringt. Schwerpunkt der Reise sind Literatur und Kunst. Die jungen Leute sind angehende Schriftsteller, Filmemacher, Akademiker. Wir wollen Brücken bauen zwischen zweierlei Kubas, dem Kuba der Emigranten und dem Kuba auf der Insel. Seit den frühen neunziger Jahren bemühe ich mich darum, sei es durch Anthologien, Poesie, Essays und generell über die Kunst, die Stimmen von beiden Ufern zu vereinen. Jetzt beginnt eine neue Etappe. Es geht nun darum, Jugendliche direkt in Kontakt zu bringen. Es ist für mich eine sehr schöne Erfahrung. Es war faszinierend zu erleben, wie sich die jungen Menschen aus Emigrantenfamilien einer Welt, die eigentlich auch zu ihnen gehört, öffneten. Und ich bin glücklich, eine Brücke für die neue Generation bieten zu können.

Sie selbst stammen aus einer Emigrantenfamilie. Sie sind in Kuba geboren worden und in den USA aufgewachsen. Wie kam es dazu?
Wir sind 1962 aus Kuba weggegangen. Ich war damals fast fünf Jahre alt. Mein Vater traf sehr bald nach der Schweinebucht-Invasion die Entscheidung, nicht länger in Kuba zu bleiben. Meine Mutter wollte nicht weg. Zunächst gingen wir nach Israel, lebten dort ein Jahr und übersiedelten dann nach New York, wo bereits einige Mitglieder unserer Familie ansässig geworden waren. Ich bin in einem Mix aus kubanischer und jüdischer Kultur aufgewachsen, mit viel Nostalgie für die Karibikinsel. In Kuba haben meine Eltern keinen Antisemitismus gespürt. Kuba war ein Zufluchtsort, manchmal auch nur eine Station vieler Juden aus Europa, vor allem zwischen den beiden Weltkriegen; zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber auch aus der Türkei. Sie errichteten Synagogen und bauten den Jüdischen Friedhof in Guanabacoa aus. Mit der Revolution verloren viele ihre Geschäfte, rund 90 Prozent entschieden sich, das Land zu verlassen.

Wie war es für Ihre Eltern und Sie, sich in den USA in einer völlig anderen Kultur wiederzufinden?
Wir kochten weiterhin kubanisch, sprachen in der Familie Spanisch und pflegten zugleich jüdische Traditionen und Rituale. Wir feierten Pessach und aßen Matze. Das erschien mir alles sehr natürlich. Später, als ich die Universität besuchte, musste ich aber immer erklären, wer ich war, weil anderen diese Verbindung offenbar nicht so selbstverständlich schien.

Ihr letztes Buch, »Lucky Broken Girl«, reflektiert die Erfahrungen eines kubanisch-jüdischen Mädchens in New York. Ihre Geschichte?
Ja, dieses Buch ist aus der Perspektive eines zehnjährigen kubanisch-jüdischen Mädchens geschrieben, das gerade in New York angekommen ist, basierend auf meiner eigenen Geschichte. Die Familie erleidet einen Autounfall, und das Mädchen ist für ein Jahr ans Bett gefesselt, die Beine eingegipst. Auch wir hatten einen Unfall, und auch ich war lange ans Krankenbett gefesselt. Im Buch kreuzen sich jedoch die Wege verschiedener Migranten. Und die Heldin, Ruthie, steckt zwischen den Kulturen: Einerseits will sie sich an den sogenannten American Way of Life anpassen, andererseits versucht sie, ihre kubanische Identität zu bewahren.

Mit Identitäten, Identitätssuche und Identitätskonzepten beschäftigen Sie sich als Wissenschaftlerin seit Längerem. Ist dieses Thema auch für Sie privat sehr wichtig?
Ja. Deshalb nutzte ich die Chance, mit einer Gruppe von Studenten und Professoren nach Kuba zu reisen, als es 1979 unter dem Präsidenten Jimmy Carter eine kurze Phase der Öffnung gab. Es war mein erster Besuch auf Kuba nach unserem Weggang. Ich hegte die Illusion, dort eine Erlaubnis für eine längerfristige Feldforschung zu erhalten. Aber es war leider unmöglich. 1980 mit der Mariel-Krise, als zwischen April und Oktober 125 000 kubanische Staatsbürger mit kleinen Booten nach Florida flüchteten, machte die Regierung in Havanna wieder dicht. Ich betrieb meine Feldforschungen in Spanien und Mexiko und kam derart in Kontakt zu Chicano-Schriftstellern und -Schriftstellerinnen, also in den Vereinigten Staaten lebenden Mexikanern. Sie inspirierten mich zu meinem Kuba-Projekt. Ab 1990/91 konnte ich wieder nach Kuba reisen. Die ersten Besuche waren sehr emotional. Ich bin am Malecón, der berühmten Uferpromenade von Havanna, entlanggelaufen, habe vor Freude geweint und hatte zugleich große Angst, weil meine Familie mich nervös machte mit ihren Ratschlägen: »Rede mit niemandem, sei vorsichtig, halte deine Meinung zurück, hüte dich vor den Kommunisten, sonst landest du im Gefängnis.« (lacht) Ich erlebte das Gegenteil, lernte viele freundliche, wunderbare, reizende Menschen kennen.

Haben Sie auch noch eine Jüdische Gemeinde vorgefunden?
Es gab eine, allerdings sehr kleine. In den 1960er bis 1980er Jahren unterlag die Ausübung einer Religion starken Einschränkungen. Das änderte sind in den 1990er Jahren. Die jüdische Gemeinde begann, sich wieder zusammenzufinden und sich neu zu entdecken.

Auch dieses Thema verarbeiteten Sie in einem Buch: »An Island called home«, ein Standardwerk über die Jüdische Gemeinde auf Kuba. Wie halten Sie es mit der Religion?
Ich bin nicht sehr religiös. In den USA gehe ich nicht oft in die Synagoge, aber immer, wenn ich auf Kuba bin. Denn ich fühle, dass es dort wichtig ist, die Traditionen zu stärken und zu bewahren. Es gibt auf Kuba vielleicht 900 Juden, aber keinen Rabbiner. Ich erinnere mich, wie mir meine Großmutter von ihrer Großmutter erzählte, die in einem Dorf unweit von Warschau lebte und nicht nach Kuba ausreisen wollte, da sie befürchtete, dort ihre jüdischen Traditionen nicht leben zu können. Sie blieb also - und wurde im Holocaust umgebracht. Diese Geschichte hat mich sehr erschüttert. Kuba hat vielen Juden das Leben gerettet. Und dafür bin ich Kuba und den Kubanern dankbar. Und deshalb nehme ich jedes Mal, wenn ich in Kuba bin, an den Gebeten teil. Und versuche mir vorzustellen, was aus mir geworden wäre, wenn meine Eltern das Land nicht verlassen hätten.

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