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Pädagogische Rabattcoupons

Thüringens grüne Umweltministerin Anja Siegesmund will die Landeskinder mit einem »Sparbuch« an den Klimaschutz heranführen

  • Von Sebastian Haak, Erfurt
  • Lesedauer: 3 Min.

Es sind die kleinen Dinge, die das Leben besser machen. Oder dazu beitragen, das Klima zu retten. Weshalb es auch viele kleine Dinge sind, die das Thüringer Umweltministerium in seinem »Klimaretter-Sparbuch« zusammengetragen hat. Zehn Prozent Rabatt auf einen Einkauf in einem Reformhaus, einen Gratissaft zum Mittag in einem ökologischen Café, 25 Euro Startguthaben beim Wechsel zu einem Ökostromanbieter.

Dinge also, die einzeln nicht den großen Unterschied ausmachen. Weder in der Haushaltskasse noch bei der CO2-Bilanz der Erde. Die aber eine größere Wirkung entfalten, wenn der Einzelne sie öfter tut - oder viele sie mindestens ab und zu mal tun.

Denn darum geht es beim Klimaretter-Sparbuch, das Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund jüngst in Erfurt vorstellte. Es ist ein Heftchen mit Rabattcoupons. Vorangestellt ist den Rabattmarken ein relativ ausführlicher Informationsteil, in dem es ebenso um neue Esskultur und die dabei zum Einsatz kommenden Bio-Siegel geht wie um naturverträglichen Tourismus.

Einerseits, sagt Siegesmund, solle mit dem Heftchen ein Anreiz für Menschen geschaffen werden, »um irgendwo mal reinzustiefeln, wo man vorher noch nicht war«. Oder Dinge zu tun, die man vorher noch nicht tat. Und beim Klimaschutz nicht immer nur auf andere zu zeigen - die Automobilindustrie, die Energiewirtschaft, die Nachbarn -, sondern im kleinen Rahmen selbst anzufangen, etwas dafür zu tun, dass weniger CO2 in die Atmosphäre gelangt.

Und weil viele Menschen Klimaschutz eben nicht zuerst um des Klimaschutzes willen praktizieren, sondern weil sich für sie damit bisweilen bares Geld sparen lässt, macht die Sache mit den Rabattschnipseln also durchaus Sinn. Was es freilich umso eigenartiger macht, dass nach Angaben des Thüringer Umweltministeriums bislang kein anderes Flächenbundesland ein vergleichbares Sparbuch aufgelegt hat.

Andererseits aber soll das Heftchen auch dabei helfen, eine Botschaft zu vermitteln, die weit über alle Versprechen auf ein paar Euro Ersparnis hier und da hinausgeht. Eben weil, ökologischen Produkten in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft noch immer ein zweifelhafter Ruf anhängt. Bio-Essen gelten vielen Menschen als ein Ausweis für ein Bekenntnis zum Verzicht, das vor allem Besserverdienende ablegen, die sich irgendwie für Gutmenschen und auch Besserwisser halten.

Dabei, sagt Siegesmund, zeige doch gerade auch das Klimaretter-Sparbuch, dass Bio, Öko und Nachhaltigkeit nicht nur Verzicht bedeuteten, »dass das Spaß machen kann« und das sich damit Geld sparen ließe; ergo, dass die Rettung des Klimas etwas sei, zu dem jeder - und nicht nur die oberen Zehntausend - beitragen könnten. Dass zum Beispiel Essen und Trinken in den Bioläden, für die sich in dem Sparbuch Rabattcoupons finden, teurer sind, als in vielen anderen Kneipen, hält die Grünen-Politikerin daher für kein Argument, dort nicht Essen und Trinken zu gehen. Schließlich, sagt sie, müsse man sich doch nur überlegen, wofür man sein Geld ausgebe. Nachhaltig zu essen sei besser, als ständig ein neues Smartphone zu kaufen. »›Her mit dem guten Leben‹, heißt nicht, dass man immer das Neuste haben muss«, sagt sie.

Wahrscheinlich ziemlich unbeabsichtigt zeigt das Heftchen mit den pädagogischen Coupons zudem, wie viel »Luft nach oben«, um Siegesmunds Worte zu benutzen, all diejenigen in Thüringen haben, die mit dem Trend zu mehr Bio, Öko und Nachhaltigkeit Geld verdienen wollen. Weil sie, sagt die Ministerin, häufig nicht so sichtbar seien, wie sie sein müssten. Was sicher stimmt. Jenseits der Tatsache, dass solche Unternehmen und Freiberufler vor allem in den größeren Städten des Landes zu finden sind. Wo doch gerade im ländlichen Raum - wo dem Thüringen nun wirklich genug hat - die Voraussetzungen dafür besonders gut sind, biologisch, ökologisch und nachhaltig zu leben. Und damit eben auch das Klima zu retten. Wenigstens ein kleines bisschen.

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